76  England  im  Wirtschaftskrieg.

dutch  das  Parlament.  Hierin  braucht  man  allerdinge  nicht  unbedingt  das
DVerlangen  nach  Verewigung  jenes  Beschlag  standes  zu  erblicken,
sondern  könnte  diesen  Beschluß  vielleicht  auch  dahin  deuten,  daß  sich
dae  Parlament  nach  beiden  Richtungen  freie  Hand  sichern  wollte,  nämlich
auch  nach  der  Richtung,  daß  das  in  der  Kriegehitze  beschlossene  Gesetz  nach
Friedeneschluß  schneller  beseitigt  werden  könnte,  als  man  angesichte  der
während  des  Krieges  gewünschten  Erregung  des  Publikume  für  beabsichtigt
  hinzustellen  beliebte.

Ferner  sicherte  der  Präsident  des  Handelsamts  im  Unterhause  zu,
daß  die  Regierung  die  neu  ins  Leben  gerufene  britische  Farbstoffindustrie
nicht  nur  mit  Darlehen,  sondern  auch  dadurch  unterstützen  werde,  daß
auf  zehn  Jahre  nach  Kriegeende  die  Einfuhr  von  Farbstoffen  abhängig
gemacht  wird  von  Sondergenehmigungen.  Auch  das  klang  am  Ende
krlegerischer,  ale  es  gemeint  ist.  Der  öffentlichen  Meinung  in  England  wurde
lockend,  jener  in  Heutschland  drohend  vorgehalten,  daß  England  die  deutsche
Farbstoffindustrie  auf  ein  volles  Jahrzehnt  nach  Friedeneschluß  kaltstellen
werde.  Die  Randbemerkung  über  die  Sondergenehmigungen  besagt
aber  bei  näherer  Betrachtung  das  Gegenteil:  Sie  enthält  nämlich  das
Eingeständnis  mindestens  vorläufiger  Unfähigkeit  der  englischen  Farbstoffindustrie,
  die  deutschen  Erzeugnisse  rundweg  entbehrlich  zu  machen,
und  bedeutet,  daß  England  sich  trotz  allen  Willens  zum  Wirtschaftekriege
im  Interesse  seiner  Textilindustrie  usw.  vorbehalten  muß,  deutsche  Farbstoffe
  zuzulassen.

Wenn  England  den  Kampf  gegen  den  deutschen  Handel  auch  nach
dem  Kriege  zum  Ziel  internationaler  Verständigung  macht,  so  geht
man  kaum  fehl,  wenn  man  in  diesen  Bemühungen  wieder  ein
Doppelspiel  des  englischen  Kaufmanns  und  des  englischen  Politikers
sieht.  Der  englische  Politiker  predigt  aller  Welt  den  Boykott  Deutschlands
nach  dem  Kriege.  Er  hat  während  des  ganzen  Krieges  seinen  im  größten
Stil  angelegten  Lügenfeldzug  gegen  Deutschland  geführt,  der  une
in  aller  Welt  so  verhaßt  machen  sollte,  daß  kein  Hund  mehr  ein
Stück  Brot  aus  deutscher  Hand  nimmt.  Auf  der  anderen  Seite  läßt
der  britische  Weltkaufmann  seine  Kollegen  in  den  deutschen  Handels--städten
  augenzwinkernd  wissen,  daß  er  durchaus  gesonnen  sei,  nach  dem
Kriege  die  Beziehungen  wieder  aufzunehmen.  Za,  er  möchte  sich  zugleich
gar  in  der  Rolle  eines  Rettere  Deutschlands  versuchen.  Der  deutsche
Kaufmann  wird  ja  berücksichtigen  müssen,  daß  das  gesamte  Ausland  die
deutschen  „Barbaren“  und  Cräger  des  preußischen  Militariemus  haßt
und  für  die  lebende  wie  die  nachwachsende  Generation  an  Verbindungen
mit  diesem  verhaßten  Deutschland  nicht  zu  denken  wünscht.  In  dieser
furchtbar  fatalen  Lage  möchte  der  englische  Vetter  nach  dem  Kriege  dem