78  England  im  Wirtschaftokrieg.

hat  eine  neue  Theorie  aufgebaut,  entstanden  aus  älteren  imperialistischen
Argumenten:  die  Theorie  vom  engen  wirtschaftlichen  Zusammenschluß
des  britischen  Gesamtreichs.  Die  Theorie  wird  vielleicht  nicht  viel  weniger
lebhaft  bestritten  als  verfochten,  selbstverständlich  nicht  aus  Gründen
nationalökonomischer  Logik,  sondern  aus  Gründen  rein  praktischer  Zweckmäßigkeit.
  Namentlich  Kanada,  das  durch  viel  engere  Handelebeziehungen
mit  den  Vereinigten  Staaten  als  mit  England  verknüpft  ist,  widerspricht
dem  Gedanken  der  allbritischen  Reichewirtschaftspolitik  und  fordert  für
sich  volle  handelspolitische  Bewegungefreiheit.  Auch  die  Wollzüchter
Südafrikas  zeigen  wenig  Neigung,  ihre  gesamten  Erzeugnisse  an  ein  britisches
  Handelemonopol  auszuliefern.  Die  Bäter  der  allbritischen  Reichswirtschaftepolitik
  aber  vertreten  vor  aller  Welt  den  Standpunkt,  daß  die
gesamtbritische  Macht  gefestigt  werden  müsse  durch  wirtschaftliches  Zusammengehen
  des  Imperiums.  Zu  diesem  Zweck  läßt  England  Schutzzölle
  einführen,  damil  es  seinen  Kolonien  Vorzugszölle  gewähren  und
von  diesen  wechselseitige  Borzugszölle  beanspruchen  kann.  Das  etdische
Mäntelchen  dieser  Wirtschaftspolitik  wird  zurechtgeschneidert  aus  den
Schlagwörtern  über  die  „Bestrafung  Deutschlands“,  „Vernichtung  des
deutschen  Imperialimus“  usw.  So  scheint  die  allbritische  Reichswirtschaftepolitik
  lediglich  gerichtet  gegen  Deutschland  und  in  der  Hauptsache  gedacht
als  britisches  Kampfmittel  im  wirtschaftlichen  Nachkrieg  gegen  Deutschland.
So  scheint  es,  und  so  soll  es  scheinen!

Gerade  wegen  dieser  offensichtlichen  Absicht  aber,  einen  bestimmten
Zweck  in  den  Vordergrund  zu  rücken,  werden  wir  gut  tun,  zu  fragen,
was  der  Brite  denn  in  Wahrheit  will,  da  die  von  ihm  verfolgten  Ziele
in  der  Regel  andere  sind  ale  die  nach  außen  hin  aufgesteckten.  Gehen  wir
dem  Gedanken  der  allbrilischen  Reichewirtschaftspolitik  tiefer  nach,  so
finden  wir  in  der  Tat  eine  Fülle  von  Beweggründen,  die  wenig  zu  tun
haben  mit  dem  Handeleneid  gegenüber  Deutschland  und  mit  den  offen
proklamierten  Absichten  des  wirtschaftlichen  Nachkrieges.  England  fürchtet
ja  für  die  neue  Zeit  bei  weitem  nicht  etwa  nur  den  deutschen  Wettbewerb  —
es  hegt  große  Besorgnisse  auch  vor  dem  Wettbewerb  seiner  heutigen
Verbündeten  im  fernen  Westen  und  im  fernen  Osten.  Vor  allen  Dingen
ist  es  den  Engländern  schwer  auf  die  Nerven  gefallen,  daß  jenseits  des  Nordatlantik
  in  tönenden  Worten  von  vielen  Seiten  angekündigt  worden  ist,
die  Vereinigten  Staaten  würden  nach  dem  Kriege  in  absehbarer  Zeit
über  die  erste  Handelsflotte  der  Welt  verfügen.  Die  Geister,  die  man  rief,
indem  man  in  der  Zeit  der  Not  die  Amerikaner  zu  eifriger  Schaffung
von  Frachtraum  ermunterte,  wird  man  nicht  mehr  los,  und  dieser  Spuk
lastet  schwer  auf  den  englischen  Gemütern.

Um  die  Lage  der  englischen  Schiffahrt  nach  dem  Kriege  zu  unter-