Englische  Kapitalanlage  im  Auslande.  81

Mit  der  Dauer  des  Krieges  trat  immer  klarer  zutage,  daß  der  passive
Charakter  der  englischen  Handelsbilanz  im  Verkehr  mit  den  Vereinigten
Staaten  sich  nach  dem  Kriege  auch  in  starker  Passivität  der  Zahlungebilanz
würde  geltend  machen  müssen.  Der  Uberschuß  der  gesamten  Wareneinfuhr
Englands  über  die  Warenausfuhr  bezifferte  sich  im  Jahre  1912  auf  den
außerordentlich  hohen  Betrag  von  nahezu  3  Milliarden  Mark.  England
konnte  in  der  weltwirtschaftlichen  Rolle,  die  es  vor  dem  Kriege  einnahm,
eine  so  starke  Unterbilanz  seines  Warenhandele  unschwer  ertragen.  Es
war  ja  der  Gläubiger  und  der  Berfrachter  aller  Welt  und  zog  Riesen--gewinne
  aue  seinen  Kapitalanlagen  in  allen  fünf  Erdteilen,  aue  der  Autzung
seinee  kolonialen  Besitzes  und  aus  dem  Reedereigeschäft.  Aun  drohten  die
Verelnigten  Staaten  sich  für  die  Zukunft  in  den  Besitz  der  größten  Handelsflotte
  zu  setzen.

Was  die  englische  Kapitalanlage  im  Auslande  anbetrifft,
so  hat  der  Krieg  England  gezwungen,  auf  diesem  Gebiete  in  sehr  großem
Umfange  Abstoßungen  vorzunehmen.  Nicht  nur  die  in  englischem  Besitz
befindlichen  nordamerikanischen  Wertpapiere  mußten  dem  großen  Kriegslieferanten
  drüben  verpfändet  werden,  sondern  in  beträchtlichem  Maße
auch  südamerikanische  Papiere.  England  hat  drüben  bei  der  amerikanischen
Reglerung  sowohl  wie  auch  bei  den  großen  amerikanischen  Bankhäusern
Schulden  über  Schulden  aufgenommen  und  wird  auch  nach  dem  Kriege
eine  große  Zinsenlast  gegenüber  Amerika  zu  tragen  haben,  von  der
ihm  nur  ein  Teil  durch  die  europäischen  Verbündeten  zurückvergütet
werden  wird.  Unter  diesen  Umständen  wird  es  für  England  kaum  erträglich
  sein,  nach  dem  Kriege  die  alte  Unterbilanz  mit  Amerika  aufrecht
zu  erhalten.  Im  Jahre  1912  betrug  diese  Unterbilanz  im  Verkehr  mit
den  Vereinigten  Staaten  1,4,  im  Verkehr  mit  ganz  Amerika  1,7  Milliarden
Mark.  Ungefähr  die  Hälfte  der  ganzen  Unterbilanz  im  britischen  Warenverkehr
  entstammte  also  dem  Güteraustausch  mit  der  Nordamerikanischen
Union.  Wenn  Amerika  späterhin  seine  nach  England  zu  sendenden  Waren
zu  einem  beträchtlichen  Teil  auf  eigenen  Schiffen  wird  verfrachten  können,
und  wenn  es  von  England  viele  Hunderte  von  Millionen  an  Schuldenzinsen
  zu  empfangen  hat,  dann  muß  Englande  Zahlungsbilanz  gegen  Nordamerlka
  sich  nach  dem  Kriege  noch  sehr  viel  ungünstiger  stellen  ale  seine
Handelsbilanz  vor  dem  Kriege.  Das  sind  die  üblen  Aussichten  der  Praxie:
Zunehmende  Berschuldung  an  Aneerika,  eine  scharfe  Konkurrenz  der
amerikanlkschen  und  japanischen  Schiffahrt  und  Industrie,  völlige  finanzielle
  Selbständigkeit  dieser  beiden  Konkurrenten  gegenüber  England,
Wettbewerb  Japans  auf  den  Nohstoffmärkten  in  den  britischen  Kolonien
und  kein  Auegleich  für  die  Zahlungen,  die  England  für  die  amerikanischen
Rohstoffe  zu  leisten  hat.  So  kommt  England  bezüglich  seiner  Rohstoff-Dlr.

  Wirtschaftskrieg  und  Kriegswirtschaft.  6