Wirtschaftliches  Berhältnie  zwischen  England  und  seinen  Kolonien.  89

politik  auszubauen.  Unter  dem  Deckmantel  einer  Zollpolitik,  die  durch
die  Höhe  der  Zollsätze  die  Möglichkeit  geben  soll,  dem  Mutterlande  Vorzugezölle
  einzuräumen,  können  sie  ein  Wirtschaftssystem  ausbauen,  das
sich  in  Wahrheit  auch  gegen  den  Wettbewerb  der  englischen  Zndustrie
richtet  und  die  Eigenverarbeitung  der  kolonialen  Rohstoffe  begünstigt,
wie  es  beispielsweise  bezüglich  der  indischen  Baumwolle  zu  beobachten  ist.

König  Georg  von  England  hat  Mitte  Juli  1918,  als  er  die  Mitglieder
der  Reichekriegskonferenz  aus  den  Dominions  verabschiedete,  seinem
Vertrauen  in  die  Umgestaltung  des  Reiches  in  eine  „selbstversorgende
Einheit“  Ausdruck  gegeben.  Es  berührt  doch  immerhin  recht  merkwürdig,
wenn  gerade  England,  das  im  Handel  der  ganzen  Welt  den  Ton  angeben
sollte,  jetzt  an  eine  solche  Einkapselungspolitik  denkt,  wie  sie  in  dem  Wort
von  der  selbstversorgenden  Einheit  des  britischen  Reiches  zum  Auedruck
kommt.  Die  verkehregeographische  Lage  des  britischen  Mutterlandes
gegenüber  Europa  ist  die  außerordentlich  günstige  Lage  einee  riesigen
Freihafens  und  Umschlagplatzes  für  ganz  West-,  Mittel-  und  Nordeuropa,
solange  England  eine  freihändlerische  Politik  treibt.  Im  Gegensatz  zu
diesem  außerordentlichen  Vorteil  kann  sie  sich  als  schwerer  Nachteil  insularer
Vereinsamung  erweisen,  wenn  die  englische  Handelepolitik  scharf  abschließende
  Bestrebungen  verfolgt.

England,  das  alte  Land  des  Freihandels,  neigte  in  Wahrheit  aber
schon  sehr  lange  zu  solchen  abschließenden  Tendenzen.  Schon  seit  zwei
Zahrzehnten  vollzog  sich  ein  Ringen  zwischen  dem  deutschen  Grundsatz  der
offenen  Tür  und  dem  britischen  Sostem  der  Interessensphären.

Die  schon  seit  geraumer  Zeit  eingeschlagene  britische  Methode  kann
man  wohl  als  eine  allgemeine  „Agpoptisierung“  bezeichnen.  Überall,
wo  ee  einen  hinlänglich  geringen  Widerstand  fand,  schuf  es  britische  Einflußgebiete,
  und  in  diesen  britischen  Einflußgebieten  wußte  es  stets  dem
englischen  Handel  die  Borhand  zu  sichern,  fremde  Wirtschafteeinflüsse
niederzuhalten.  Dazu  bedurfte  es  nicht  oder  wenigstene  nicht  immer
eines  offenen  Bekenntnisses  zur  handelepolitischen  Differenzierung.  Es
genügte  eine  ungeschriebene  Vorzugsstellung  der  britischen  Schiffahrt
und  planmäßige  Bevorzugung  britischer  Einfuhr  durch  den  britischen
Kaufmann.  Anderseits  war  die  britische  Industrie  in  der  Lage,  sich  aus
den  Kolonien  und  Znteressensphären  die  nicht  nur  quantitativ  größte,
sondern  auch  qualitativ  beste  Auefuhrware  an  Rohstoffen  zu  sichern  und
dadurch  eine  gewisse  Uberlegenheit  besonders  für  weite  Zweige  der
britischen  Textilindustrie  sicherzustellen.  Nur  in  Einzelfällen  wurde  mit
offenem  Visier  gekämpft,  wie  beispielsweise  bei  der  Vorzugebehandlung,
die  Kanada  dem  Mutterlande  zuteil  werden  ließ  und  die  seinerzeit  zum
deutsch-kanadischen  Zollkrieg  führte.