Frankreich.  93

ausgeübt.  Die  Weltseidenstadt  Lyon  beispielsweise  bezog  beträchtliche
Mengen  der  von  dort  aus  unter  französischer  Marke  verkauften  Waren  tatsächlich
  aus  Krefeld.  Das  französische  Exportwesen  lag  zum  sehr  großen
Teil  in  deutschen  und  österreichischen  Händen,  und  sogar  in  der  weltberühmten
  Pariser  Modenindustrie  waren  vielfach  an  maßgeblichen  Posten
Deutsche  beschäftigt.  Frankreich  bemühte  sich  während  des  Krieges  um
Auffrischung  seines  eigenen  industriellen  Lebens,  insbesondere  um  Belebung
  der  chemischen  Industrie,  ferner  um  allgemeine  Förderung  des
technischen  Unterrichtewesens  nach  deutschem  Muster  und  endlich  um
Exportförderung  nach  dem  Muster  der  Lelpziger  Messe.

In  Erkenntnis  seiner  volkewirtschaftlichen  Schwächen  war  Frankreich
im  Hinblick  auf  den  wirtschaftlichen  Nachkrieg  sehr  besorgt  um
seine  künftige  wirtschaftliche  Weltstellung.  Die  Entente-Konferenzen
über  den  wirtschaftlichen  Nachkrieg  fanden  zwar  in  Paris  statt,  aber  doch
ganz  unter  der  geistigen  Leitung  Englande.  Frankreich  bemühte  sich  hier
namentlich  nach  der  Richtung,  seine  Rohstoffbelieferung  durch  die  Verbundeten
  sicherzustellen  und  ferner  die  Verbündcten  für  den  Bezug
französischer  Waren  zu  gewinnen.

Ahnlich  zwiespältig  wie  in  Frankreich  waren  die  Grundlagen,  auf
denen  sich  ein  Wirtschaftskrieg  zu  bewegen  hatte,  in  Rußland  zu  beurteilen.
  Hier  war  die  Abhängigkeit  des  Wirtschaftslebens  von  Oeutschland
  noch  außerordentlich  viel  größer.  Vor  allen  Dingen  lebte  in  Rußland
eine  sehr  bedeutende  Zahl  von  Deutschen,  die  große  Teile  des  russischen
Bodens  überhaupt  erst  kultiviert  und  die  russische  Industric  ine  Leben
gerufen  hatten.  Ferner  war  diese  Industrie  im  allgemeinen  lange  nicht
welt  genug  entwickelt,  um  Rußland  die  deutsche  Einfuhr  entbehren  zu
lassen  —  eine  Tatsache,  die  entschieden  gegen  den  Wirtschaftekrieg  sprach.
Anderseits  hatte  gerade  die  Größe  des  deutschen  Einflusses  auf  das  russische
Wirtschafteleben  naturgemäß  die  Eifersucht  der  Russen  in  hohem  Grade
geweckt.  Man  fühlte  sich  wirtschaftlich  in  vielen  Beziehungen  von  Deutschland
  und  den  Deutschen  abhängig  und  strebte  aus  dieser  Abhängigkeit
heraus.

Es  darf  nicht  übersehen  werden,  daß  der  Erfolg  der  Kriegstreibereien
im  alten  Rußland  sich  in  recht  belangreichem  Maße  stützte  auf  eine
statistische  Fälschung.  Oie  amtliche  deutsche  Handelestatistik  wies  im
Jahre  1912  an  Einfuhr  Deutschlands  aus  Rußland  1528  Millionen  Mark
auf,  an  Ausfuhr  nach  Rußland  dagegen  nur  680  Millionen.  Rußlande
Handelsbilanz  war  demgemäß  une  gegenüber  in  ganz  hervorragendem
Maße  aktiv  —  in  einem  Maße,  wie  man  es  wohl  nirgends  im  Verkehr
zweier  großer  Länder  wiederfinden  wird.  Oie  russische  Handelestatistik
aber  behauptete  das  krasse  Gegenteil,  und  die  Kriegehetzer  im  Zaren-