94  Der  Wirtschaftskrieg  der  anderen  Länder.

reich  hausierten  seit  Jahren  mit  der  Behauptung,  daß  Deutschland  Rußland
wirtschaftlich  ausraube,  daß  die  Handelsverträge  mit  diesem  Lande  Rußlands
  Verderb  seien,  und  daß  Rußland  zu  einer  „Kolonie“  Deutschlands
herabsinke.

Zur  Zeit  dee  Kriegsbeginns  lebte  in  Rußland  etwa  eine  Viertelmillion
  reichsdeutscher  Untertanen.  Deren  Behandlung  war  elne  sehr
ungleichartige.  Ein  kaiserlicher  Erlaß  vom  10.  August  1914  bestimmte
zunächst,  daß  die  wehrpflichtigen  feindlichen  Untertanen  ale  Kriegsgefangene
  zu  behandeln  wären.  Oie  örtlichen  Behörden  aber  konnten
entscheiden,  ob  sie  diese  feindlichen  Untertanen  nur  aus  bestimmten  Bezirken
  ausweisen  oder  aber,  ob  sie  deren  Zwangsverschickung  nach  bestimmten
  Gegenden  veranlassen  wollten.  In  großer  Zahl  unterlagen  die
Deutschen  der  Zwangsverschickung  nach  Sibirien,  die  unter  teilweise
unerhört  grausamen  Härten  durchgeführt  wurde.  Ein  anderer  Teil  der
Deutschen  konnte  unbehelligt  am  alten  Wohnsitz  verbleiben.  Noch  im
Herbst  1915  wurden  in  Peteresburg  250  000  deutschsprechende  Einwohner
gezählt,  von  denen  die  Hälfte  feindliche  Staateangehörige  waren.  Die
Feindschaft  der  echten  Russen  richtet  sich  aber  keineswege  nur  gegen  die
feindlichen  Staateangehörigen,  sondern  auch  gegen  diejenigen  Deutschstämmigen,
  deren  Vorfahren  zum  Teil  schon  vor  anderthalb  Zahrhunderten
nach  Rußland  eingewandert  waren  und  die  die  russische  Staatsangehörigkeit
  erworben  hatten.  Auf  etwa  5  ½  Millionen  Hektar  russischen  Bodens
saßen  in  deutschen  Kolonien  1½  bie  2  Millionen  dieser  Deutschstämmigen.
Wenn  auch  die  Eifersucht  landhungriger  russischer  Bauern  sich  gegen  die
deutschen  Kolonien  richtete,  so  beschränkte  ein  Zarenerlaß  im  Herbst  1914
sich  zunächst  doch  darauf,  feindlichen  Ausländern  den  Neuerwerb  russischen
Grundbesitzes  zu  verbieten.

In  gewissem  Umfange  wurde  im  weiteren  Berlauf  zur  Liquidation
feindlichen  Grundbesitzes,  namentlich  zugunsten  der  staatlichen  Bauernbank
  übergegangen.  Rußland  aber  schloß  sich  im  allgemeinen  in  seinem
Wirtschaftekrieg  durchaus  nicht  etwa  einfach  dem  englischen  Vorbilde  an,
sondern  hielt  sich  an  die  eigenen  Bedürfnisse  des  Landee,  die,  wie  gesagt,
dem  Wirtschaftskriege  in  erheblichem  Maße  überhaupt  widerrieten.
Selbst  die  wirtschaftlichen  Verbände  hatten  ihrerseites  zu  Anfang  nichts
dagegen  einzuwenden,  daß  feindliche  Staatsangehörige  ihre  Unternehmungen
  Neutralen  überließen,  um  sie  in  dieser  Form  aufrechtzuerhalten,
  da  die  russische  Volkswirtschaft  eben  auf  die  Mitwirkung  dieser
Unternehmungen  angewiesen  war.  Sogar  der  Handel  mit  dem  Feinde
wurde  nicht  verboten,  sondern  auf  dem  Umwege  über  neutrale  Länder
soweit  aufrechterhalten,  wie  die  deutschen  Ausfuhrverbote  es  irgend
zuließen.  Antideutsche  Vereine  aber,  besonders  die  Moskauer  Kauf-