Rußland.  95

mannschaft,  bedrängten  die  Regierung,  ihren  Standpunkt  zu  ändern,
und  im  Mal  1915  griff  das  Bolk  in  Moskau  zur  Selbsthilfe,  indem  en
plündernd  nicht  nur  gegen  das  deutsche  Eigentum,  sondern  auch  gegen
solche  Geschäfte  vorging,  denen  Handel  mit  dem  Feinde  nachgesagt
wurde.

Die  Regierung  hatte  sich  darauf  beschränkt,  einen  Zollzuschlag  auf
Waren  feindlicher  Herkunft  zu  legen.  Auch  ale  schließlich  Ende  1915  die
Einfuhr  feindlicher  Waren  untersagt  wurde,  sah  sie  sich  doch  veranlaßt,
zablreiche  Ausnahmen  einzuräumen  für  solche  Bedarfegegenstände,  auf
deren  Bezug  Rußland  angewiesen  war.  Aur  ein  Zahlungsverbot  war
bereite  im  November  1914  ergangen.  Feindliches  Privateigentum  in
Rußland  war  in  früheren  Kriegen  völkerrechtsmäßig  als  unverletzlich
behandelt  worden.  Die  russische  Regierung  hielt  auch  zu  Beginn  dieses
Krieges  an  dem  alten  Grundsatz  fest,  entschloß  sich  später  aber  zur  Durchführung
  der  Zwangsverwaltung  und  auch  zur  Liquidation  feindlicher
Firmen,  die  jedoch  so  langsam  vorgenommen  wurde,  daß  bei  Ausbruch
der  Revolution  fast  noch  alle  Liquidationen  in  der  Durchführung  begriffen
waren.

Was  dae  geistige  Eigentum  anbetrifft,  so  befanden  sich  von  den
etwa  7000  in  Rußland  gültigen  Patenten  2800  in  deulschen  und  österreichischen
  Händen.  Auf  Grund  eines  Ukas,  demzufolge  für  die  Reichsverteldigung
  bedeutsame  feindliche  Privilegien  ohne  Entschädigung  in
das  Eigentum  des  Staates  üÜbergingen,  wurden  rund  1000  dieser
Patente  Staatseigentum.  Natürlich  ließ  auch  Rußland  sich  während
des  Krieges  angelegen  sein,  die  eigene  Industrie  zu  beleben  und  ebenso  den
technischen  Fortschritt  der  eigenen  Landwirtschaft  zu  fördern.

Zweifelloe  ist  das  russische  Gesamtgebiet,  insofern  der  einzelne  wieder
als  Landbesitzer  Interesse  an  der  Ertragesteigerung  gewinnt,  in  der  Lage,
noch  wesentlich  vermehrte  Produkte  hervorzubringen.  Nur  wo  und  solange
das  bolschewistische  Soystem  der  Wirtschaftsförderung  im  Wege  steht,
ist  an  eine  gesteigerte  Arbeileintensitäl  und  reichere  Ausbeute  des  Bodens
nicht  zu  denken.  Wo  aber  die  russische  Demokratie  den  bäuerlichen  Charakter
annimmt,  da  läßt  sich  aus  dem  Boden  noch  viel  mehr  heraueholen  ale
je  zuvor.  Ze  stärker  aber  die  Produktion  anwächst,  um  so  wichtiger  wird
für  die  russischen  Interessen  der  deutsche  Absatzmarkt.  Produktions-  und
Auefuhrsteigerung  stehen  jedoch  in  engster  Wechselwirkung  mit  Einfuhrsteigerung.
  Denn  um  die  Produktion  steigern  zu  können,  bedarf  es  der
Einfuhr  landwirtschaftlicher  Maschinen,  Geräte  und  dergleichen;  anderseite
  hebt  die  Produktionssteigerung  die  Aufnahmefähigkeit  des  eigenen
Marktee,  sofern  willige  Käufer  für  die  Erträge  der  Mehrproduktion  vorhanden
  sind.  Oiese  Zusammenhänge  ergeben  eine  enge  Interessenver-