104  Deutschland  im  Wirtschaftskrieg.

der  uns  im  Kriegefalle  drobenden  wirtschaftlichen  Gefahren,  die  ins  Außerste  übertrleben
wurden,  predigte  man  eine  mehr  oder  weniger  unbedingte  Friedeneduseleil  und  gab
immer  wieder  der  Ansicht  Ausdruck,  daß  nur  die  Aufrechterhaltung  des  Friedene  die  weitere
Entwicklung  dee  deutschen  Wirtschaftslebene  gewährleisten  könne.  Dlese  Haltung  auf  deutscher
Seite  stelgerte  selbstverständlich  nur  die  Begehrlichkeit  der  anderen  und  wlegte  sie  in  Sicherheit,
  wenn  sie  uns  balb  hler,  bald  doct  mitten  im  Frieden  die  offene  Tür  auf  dem  Weltmarkte
  vor  der  Nase  zuschlugen.

In  den  Zeiten  des  großen  und  außerordentlich  schnellen  Aufschwunges  unseree  deutschen
Wirtschaftelebene  ist  uns  in  bedenklichem  Grade  der  militärlsche  Sinn  im  Wirtschaftsleben
  verloren  gegangen.  Oie  einzige  Sicherhelt  suchte  man,  wie  gesagt,  im
Frieden,  nicht  in  der  Fürsorge  für  den  Krleg,  dessen  Unvermelddarkeit  doch  keineswege
  von  unserem  Willen  allein  abhängt,  auch  auf  dem  Wilrtschaftsgeblete.  Eine  gewisse
Besinnung  ist  während  der  letzten  Zahre  wohl  in  dieser  Hinsicht  eingetreten;  aber  fast  allee,
was  man  in  deutscher  Sprache  über  wirtschaftliche  Kriegsvorsorge  zu  lesen  bekam,  trug
rein  verteldigungemäßigen  Grundzug,  ganz  im  Gegensatz  zu  den  entsprechenden
Außerungen  in  fremden  Ländern.

Aun  bringt  so  frellich  die  geographische  Lage  des  Deutschen  Reichee  mit  sich,  daß
wir  zunächst  auf  die  wirtschaftliche  Verteidigung  zu  sinnen  haben;  aber  wenn  wlr  auf
militärischem  Gebiete  der  Uberzeugung  huldigen,  daß  nur  der  Angeiff  den  Erfolg  gibt,
dann  werden  wir  gut  tun,  une  doch  auch  im  Hinblick  auf  die  wesentlichen  wirtschaftlichen
Begleiterscheinungen  eines  Zukunftskrieges  einen  geistigen  Anstoß  zu  geben  und  die  Möglichkelten
  des  Angriffs  auch  auf  dlesen  Gebleten  zu  erwägen.

Die  beste  Deckung  ist  auch  hler  der  Hleb!  Wos  ist  uns  nicht  alles  verheißen  worden
in  den  Zukunftekriegeromanen  fremder  Zungen  bezüglich  der  Verheerung  wirtschaftlicher
Werte  durch  dle  Beberrscher  der  Luft!  —  Können  wir  es  da  nur  auf  lahme  Abwehrversuche
ankommen  lassen,  ohne  Gleiches  mit  Gleichem  zu  vergelten?!  —  Im  Auslande  weiß  man
sehr  gut  alle  Möglichkeiten  zu  erspähen,  die  sich  für  eine  ernste  wirtschaftliche  Schwächung
Deutschlands  im  Kriegsfalle  ergeben  —  sollen  nicht  auch  wir  die  schwachen  Seiten  der
möglichen  Gegner  auf  diesem  Geblete  eifrig  erkunden?!  —  Die  Aufgabe  dleser  Erkundung
kann  und  soll  an  dleser  Stelle  nicht  gelöst  werden;  es  muß  genügen,  auf  ihre  Bedeutung
binzuweisen,  und  nur  ganz  kurze  beispielmäßige  Andeutungen  selen  hinzugefügt  bezügllch
der  Mächte  des  Dreiverbandes:

Von  England  wissen  wir,  wie  es  um  seine  Getreideversorgung  während  des  Krieges
bangt,  wie  es  seinerzeit  die  deutschen  Hllfekreuzer  fürchtete,  wie  es  eine  ausreichende  Zabl
großer  deutscher  Kreuzer  fürchten  würde.

Der  Aufbau  dee  französischen  Wirtschaftslebens  macht  es  viellelcht  schwer,  Frankreich
auf  wirtschaftlichem  Geblet  im  Kriege  unmittelbar  hart  zu  treffen,  wenn  auch  nicht  übersehen
  werden  darf,  wie  gewaltig  der  Unterschied  ist,  ob  im  deutsch-lothringischen  Industriegebiet
  als  Krlegeschauplatz  alle  die  Schätze  der  Erde  bebenden  und  verarbeitenden  Arme
wirtschaftlich  ruhen  müssen  —  oder  aber  drüben  im  französischen  Nachbargeblete.
Im  Auge  zu  halten  ist  aber,  daß  Frankreich  seine  reichen  finanziellen  Kräfte  gegenwärtig
doch  außerordentlich  stark  angespannt  hat,  und  daß  ihm  demnach  mittelbar  eine  zlemlich
peinliche  Lage  bereitet  werden  könnte,  wenn  man  seinen  größten  Schuldner  im  Falle
eines  deutsch-franzssischen  Krieges  durch  richtiges  Handeln  an  der  anderen  Grenze  in
Zahlungsunfähigkeit  zu  versetzen  vermöchte,  wobei  zugleich  für  Schadloshaltung
der  deutschen  Gläubiger  Sorge  getroffen  werden  könnte  und  müßte.  Olese  Andeutung
mag  im  Hinblick  auf  den  ODritten  im  Dreiverband  genügen.

Wie  gesagt:  Es  sollen  hier  kelne  näheren  Aueführungen  der  Einzelhelten  versucht
werden;  zunächst  kommt  es  nur  darauf  an,  überhaupt  einmal  den  Gedanken  an  zu-