108  Deutschland  im  Wlrtschaftekrieg.

vom  Weltverkehr  gebracht  wurde,  so  zaghaft  vollzog  sich  anderseits  die
Anwendung  unserer  Gegenwehr  im  Wirtschaftekrieg.  Über  die  Möglichkeiten
  einer  solchen  hatte  man  sich  eben  deutscherseite  vor  dem
Kriege  kein  Bild  zu  machen  für  nötig  gehalten  und  war  daher  auch  auf
ihre  Nutzung  in  keiner  Weise  vorbereitet.  Ale  der  Krieg  sich  in  die  Länge
zog,  unternahm  ich  eine  Reihe  von  Versuchen,  immer  wieder  darauf
binzuweisen,  daß  nicht  nur  wir  in  weltwirtschaftlicher  #Abhängigkeit
  ständen,  sondern  auch  unsere  Gegner,  und  daß  es  uns  sehr
wohl  möglich  wäre,  sie  diese  Abhängigkeit  empfindlich  fühlen  zu  lassen.
So  u.  a.  im  „Tag“  vom  26.  Februar  1915:

„Ein  oberflächlicher  Blick  in  die  deutsche  Handelestatistik  offenbart  außerordentllch
hohe  Summen  gewisser  deutscher  Ein-  und  Ausfuhrwerte,  deren  Höbe  wohl  zu  dem  Schluß
fübren  mag,  daß  die  Abschneidung  Heutschlande  vom  Weltmarkt  gerade  dadurch,  daß  sle
dlese  Hauptbeträge  trifft,  das  deutsche  Wlrtschafteleben  völlig  zerrütten  müsse.

Halten  wir  nur  diejenigen  Hauptposltionen  im  Auge,  die  sich  in  der  deutschen  Einund
  Ausfuhrstatistik  auf  se  mehr  als  eine  Biertelmilliarde  Mark  belaufen,  so  haben  wir  die
gewaltige  Einfuhr  an  Baumwolle,  Weizen,  Schafwolle,  Gerste,  Kupfer,  Rinds-  und  Büffelhäuten
  und  eine  entsprechend  große  Auefuhr  an  Maschinen,  Eisenwaren,  Steinkohlen,
Baumwollwaren,  Wollenwaren,  Jucker  und  Papier.

Der  Blick  auf  die  Hauptpositionen  allein  aber  ist  geelgnet,  sehr  stark  irrezuführen.
Schon  die  Tatsache,  daß  der  großen  Einfuhr  von  Baumwolle  und  Schafwolle  eine  bedeutende
Ausfuhr  von  Baumwollwaren  und  Wollwaren  gegenübersteht,  läßt  erkennen,  daß  im  Falle
der  Abschneidung  vom  Weltmarkt  hier  eine  gewisse  Kompensation  eintritt  —  eine  Kompensation,
  dle  in  Friedenezeiten  allerdinge  erkauft  werden  müßte  durch  eine  gewaltige  Arbeitelosigkeit,
  die  ober  unglelch  wenlger  ins  Gewicht  fällt  gerade  in  Kriegezelten,  wenn  dem
Arbeitemarkt  Millionen  von  Kräften  entzogen  sind.

Auch  die  Ausfuhr  von  Maschinen  und  Eisenwaren  kann  verschmerzt  werden,  wenn
die  Metall-  und  Maschinenindusterie  so  außerordentlich  stark  für  den  inneren  Markt  beschäftigt
  ist,  wie  dles  gerade  in  Kriegezelten  der  Fall  sein  muß.

In  gewissem  Sinne  kann  man  auch  von  einer  Kompensierung  des  Ausfalles  an
Weizen-  und  Gersteeinfuhr  mit  dem  Auefall  an  Zuckerauefuhr  sprechen,  da  menschliche
und  tierische  Erndhrung  sich  entsprechend  umformen  müssen  und  können.

Die  scheinbar  so  große  Abhänglgkelt  Deutschlande  von  der  freien  Ein-  und  Ausfuhr
in  diesen  Hauptposttionen,  die  für  England  zwelfellos  einen  wesentlichen  Anreiz  gebildet
hat,  den  Weltwirtschaftekrieg  gegen  Deutschland  zu  unternehmen,  erweist  sich  also  bei
genauerer  Prüfung  als  nicht  annähernd  so  entscheidend,  wie  gegnerischerselte  angenommen
worden  ist;  dringen  wir  aber  etwas  weiter  in  die  deutsche  Handelestatistik  ein,  so  stoßen  wir
auf  eine  lange  Reihe  von  solchen  Posten,  deren  Fortfall  unsere  Gegner  sehr  viel  stärker
schädigt  als  unser  eigenes  Wletschafteleben.  Es  sind  das  Posten,  die  scheinbar  gar  nicht  so
boch  zu  Buche  schlagen,  die  aber  wegen  der  Hochwertigkeit  der  betreffenden  Erzeugnisse
und  wegen  ihrer  mehr  oder  weniger  vorhandenen  Unersetzbarkeit  eine  Bedeutung  haben,
die  welt  hlnausragt  über  ihre  prozentuale  Stellung  im  deutschen  Gesamtaußenhandel:

Bereits  an  12.  Stelle  in  unserer  Gesamtausfuhr  finden  wir  die  Anilin-  und  sonstigen
Teerfardstoffe  mit  elnem  Ausfuhrwert  von  142  Milllonen  Mark.  Das  sind  zwar  nur  1,4  v.  H.
unserer  Gesamtausfuhr;  aber  was  der  Auefall  der  Bezugemöglichkeit  auf  dlesem  Gebiete
bedeutet,  das  hat  die  englische  Textilindustrie  während  dee  Kriegee  ja  zur  Genüge
erfahren.