Die  Strategie  im  Wirtschaftskrieg.  113

Erst  im  späteren  Verlaufe  des  Krieges  wurden  bei  unseren  amtlichen
Stellen  in  etwas  stärkerem  Maße  Bersuche  bemerkbar,  sich  der  Waffen
des  Wirtschaftskrieges  zu  bedienen  und  mit  England  in  einen  begrenzten
Wettbewerb  zu  treten  hinsichtlich  der  Bearbeitung  der  benachbarten  Neutralen
  durch  bestimmte  Abmachungen  über  die  Belieferung  mit  notwendigen
Waren  und  mit  Versorgung  mit  rollendem  Material  der  Eisenbahn.  Die
ersten  Versuche  in  dieser  Richtung,  die  an  Ztalien  vorgenommen  waren,
konnten  freilich  zu  keinem  günstigen  Endergebnis  führen,  hatten  aber  doch
immerhin  den  Vorteil,  daß  Ztalien  durch  unsere  Unterstützung  mit  Kohlen--lieferungen
  und  rollendem  Material  für  eine  Verzögerung  der  Verhandlungen
  gewonnen  wurde,  die  insofern  von  sehr  erheblicher  Wichtigkeit
war,  als  diese  Berzögerung  eine  vielleicht  katastrophale  Wendung  im
Kriege  fernhielt:  Ursprünglich  sollten  nämlich  Italien  und  Rumänien
am  gleichen  Tage  auf  die  Seite  unserer  Gegner  treten,  was  angesichte
der  damaligen  militärischen  Lage  Österreich-Ungarns  mit  großer  Wahrscheinlichkelt
  zu  einer  Bedrängnie  dieses  Landes  geführt  haben  würde,
die  ein  verhängnisvolles  Ende  des  deutsch-österreichischen  Bündnisses  in
nächste  Nähe  hätte  rücken  können.  Fürst  Bülow,  durch  die  Eifersucht
seines  Nachfolgers  auf  dem  Reichekanzlerposten  viel  zu  spät  nach  Rom
gelassen,  bemühte  sich  hier  —  da  weiteres  schlechterdinge  nicht  mehr
erreichbar  war  —,  mit  gutem  Erfolg  um  ein  Hinziehen  der  Verhandlungen
zwischen  Ztalien  und  seinen  alten  Verbündeten  einerseits,  der  Entente
anderseite,  bie  die  militärische  Lage  im  Zinblick  auf  ÖOsterreich-Ungarn
sich  gebessert  batte.  Der  Erfolg  war  der,  daß  im  entscheidenden  Augenblick
die  Rumänen  die  siegreiche  Armee  Mackensens  nach  dem  Durchbruch  von
Gorlice-Tarnow  in  ihrer  nördlichen  Flanke  sahen  und  demgemäß  ihren
Eintritt  in  den  Krieg  aufschoben,  so  daß  tatsächlich  das  gleichzeitige  Losschlagen
  von  Italien  und  Rumänien  gegen  ein  von  den  Russen  schwer
bedrängtes  Osterreich  vermieden  wurde.

Zm  übrigen  war  die  ursprünglich  neutrale  Haltung  Ztaliene  auch
nicht  ohne  Vorteil  für  England  gewesen.  England  hatte  es  wohl  verstanden,
die  Neutralen  zu  benutzen,  um  gerade  jene  deutschen  Gegenoffensiven
zu  verhindern,  die  England  in  ihren  wirtschaftlichen  Folgen  besonders
unangenehm  hätten  sein  können.  England,  der  Weltportier,  der  die
Schlüssel  zu  fast  allen  Hauptstraßen  des  Weltverkehrs  in  der  Hand  hält,
hatte  natürlich  auch  genug  verwundbare  Stellen.  Wohl  als  die  verwundbarste
  galt  seit  langer  Zeit  der  Suezkanal.  Um  die  Aufrechterhaltung
des  Verkehre  durch  den  Suezkanal  war  England  demgemäß  ängstlich
besorgt.  Am  28.  Mai  1915,  nach  dem  Eingreifen  Ztaliens  in  den  Krieg,
erklärte  die  Türkei  den  Suezkanal  als  Kriegögebiet.  Bis  dahin  hatte
England  reichlich  Zeit  gehabt,  für  die  Berteidigung  des  Suezkanals  zu

Dix,  Wirischaftatriea  und  Kriegswirtschaft.  8