116  Der  Wlrtschaftefrieden  im  Osten.

aus  dem  Osten  keineswege  hochgeschraubt  werden.  Es  war  zum  mindesten
für  die  unmittelbare  Folgezeit  eine  bedenkliche  ÜUbertreibung,  wenn  Graf
Czernin  den  Ostfrieden  als  „Brotfrieden“  begrüßte.  Ze  vorsichtiger  man
aber  in  der  Einschätzung  der  unmittelbaren  wirtschaftlichen  Wirkungen
des  Ostfriedens  sein  mußte,  um  so  größeren  Hoffnungen  konnte  man  sich
damale  hingeben  bezüglich  der  nachhaltigen  Abwehr  der  auf  den
wirtschaftlichen  Nachkrieg  abzielenden  Pläne  und  Gedanken.
Während  der  Friedenoverhandlungen  von  Brest-Litowek  zögerte  die
deutsche  Politik  lange,  den  offensichtlichen  Auseinanderfall  des  alten
Zarenreiches  entschlossen  zu  nutzen  und  die  diplomatischen  Berhandlungen
zunächst  zu  konzentrieren  auf  den  wirtschaftlich  weitaus  wichtigsten  Teil,
die  Ukraine.  Zu  den  eifrigsten  Befürwortern  eines  Sonderfriedene
mit  der  Ukraine  gehörte  Zar  Ferdinand  von  Bulgarien,  ein  guter  Kenner
dee  Landes  und  ein  überaus  gewiegter  Diplomat,  der  dem  Verfasser  zu
einer  Zeit,  da  unsere  diplomatischen  Vertreter  in  Brest-Litowek  noch  ohne
klares  Ziel  schwankten,  eingehend  die  Vorteile  eines  unverzüglichen
Friedeneschlusses  mit  der  Uraine  darlegte.  Wir  hatten  wirklich  keinen
Anlaß,  einem  Herrn  Trotzki  zuliebe  diesen  Frieden  zu  verzögern,  damit
die  Bolschewistenführer  weiter  ihre  Brester  Advokatenreden  zur  Nevolutionierung
  des  Festlandes,  vornehmlich  Deutschlands  selbst,  in  die  Welt
funken  lassen  konnten.  Das  den  Bolschewisten  verfallene  Nord-Rußland
war  für  die  wirtschaftlichen  LAufgaben,  deren  Lösung  une  das  Ertragen
des  Wirtschaftekrieges  erleichtern  und  den  wirtschaftlichen  Nachkrieg  abwehren
  helfen  sollte,  vergleichsweise  belanglos,  die  Ukraine  aber  von
außerordentlicher  Wichtigkeit.  Sie  steht  als  Ausfuhrland  hoch  über  allen
anderen  Gebieten  Rußlande,  und  mit  ihr  die  Wirtschaftebeziehungen
wieder  aufnehmen  zu  können,  mußte  für  den  Rest  der  Kriegszeit  wie  für
die  künftige  Friedenszeit  für  und  von  höchster  Bedeutung  sein.
Allerdings  war  es,  wie  gesagt,  übereilt,  wenn  man  annehmen  wollte,
daß  die  Ukraine  uns  unverzüglich  etwa  in  einem  Maße  mit  Brotgetreide
zu  versorgen  hätte  imstande  seln  können,  wie  es  notwendig  gewesen  wäre,
um  unsere  Brotration  fühlbar  zu  erhöhen  oder  gar  die  Brotkarten  abzuschaffen.
  Erstens  kamen  wir  keineswege  ale  alleinige  Abnehmer  der
ukrainischen  Uberschüsse  in  Betracht,  sondern  mußten  mit  der  halbverhungerten
  Türkei  teilen,  die  als  Anlieger  des  Schwarzen  Meeres  sozusagen
  Nachbar  der  Ukraine  ist,  und  dem  unmittelbar  benachbarten,  gleichfalls
  in  größten  Ernährungeschwierigkeiten  stehenden  Osterreich.  Zweitene
mußte  es  große  Anstrengungen  erfordern,  die  sehr  beschränkten  Traneport--möglichkeiten
  wieder  zu  ergiebiger  Nutzung  zu  bringen.  Wir  waren  ja
doch,  solange  der  Krieg  andauerte,  auf  die  in  jeder  Beziehung  überlasteten
Landwege  angewiesen  und  allenfalle  auf  den  Verkehr  über  das  zunächst