118  Der  Wirtschaftofrleden  im  Osten.

War  also  die  uns  in  Frankrelch  offizlell  gesicherte  Meistbegünstigung  tatsächlich  längst
binfälllg  geworden,  so  erwlee  sle  sich  nach  anderen  Rlchtungen  hin  als  ein  Hemmschuh.
So  wäre  es  beilsplelsweise  nicht  möglich  gewesen,  irgendwelchen  Gedanken  zollpolltischen
Näherrückene  mltteleuropälscher  Staaten  untereinander  nachzugehen,  ohne  damit  zu
rechnen,  daß  auch  ein  feindsellges  Frankreich  automatisch  die  ganzen  Vorteile  der  veränberten
  zollpolitischen  Bezlehungen  Innerhalb  Mitteleuropas  mitgenleßen  dürfe.

War  das  Sostem  der  Melstbegünstigung  effektiv  durch  Frankreich  selbst  trotz  ewiger
Verbürgung  im  Frankfurter  Frieden  durchlöchert  worden,  so  hatte  es  vollende  die  schwersten
Erschütterungen  erfahren  durch  die  amerikanische  Rezlprozitätslehre.

Jedenfalls  standen  wir  der  Tatsache  gegenüber,  daß  wir  handelspolltisch  mehr  oder
wenlger  umlernen  und  den  Grundsätzen  der  Handelspolltik  eine  größere  Bewegllchkeit
wiedergeben  mußten,  ale  sie  ihnen  infolge  der  ewigen  Meistbegünstigungeklausel  des  Frankfurter
  Friedens  zu  elgen  war.  Nachdem  das  Schwert  sowohl  den  Handelsvertrag  mit  Kußland
  wie  den  Frankfurter  Frieden  zerschnitten  hat,  befinden  wir  uns  wieder  im  vollen
Besitz  dleser  Bewegungefrelhe#t.

Einmal  ergibt  sich  nunmehr  dle  Möglichkeit,  auf  realer  Grundlage  dem  Gedanken
verengerter  zollpolltischer  Bezlehungen  innerhalb  Mitteleuropas  nachzugeben,  ohne  daß
irgendein  Land  an  den  daraus  sich  ergebenden  DVorteilen  ohne  Gegenleistung  tellhaben  könnte.

Sodann  können  wir  Frankreich  gegenüber  dlejenige  handelspolitische  Stellung
einnebmen,  dle  uns  nach  seinem  mit  der  Meistbegünstigungsklausel  getrlebenen  Mißbrauch
als  unseren  Interessen  zweckdlenlich  erscheint.

Orittens  haben  wir  im  Auge  zu  halten,  daß  zu  Rußlande  Kriegesgründen  nicht  zuletzt
  die  Absicht  gehörte,  Deutschland  elnen  Handelsvertrag  aufzuzwingen,  der  Rußland
zu  unbegrenzter  Uberschwemmung  dee  deutschen  Marktes  mit  russischen  Agrarprodukten,
glelchzeltig  aber  zu  stärkster  Absperrung  bes  russischen  Marktes  gegen  dle  deutschen  Industrieerzeugnulsse
  befähigen  sollte.  Nun  hat  uns  gerade  dleser  Krieg  belehrt,  ein  wie  dringendes
und  zwingendes  Lebensinteresse  ee  für  Deutschland  ist,  seine  eigene  Landwirtschaft  menschenrelch
  und  leistungefählg  in  höchstmöglichem  Grade  zu  erhalten,  daß  wir  also  jenen  bandelspolltischen
  Absichten  Rußlande  den  stärksten  Wall  entgegensetzen  müssen.

Eine  Frage  für  sich  ist  endlich,  wohin  nach  dem  Kriege  der  Kompaß  der  britischen
Handelspolltik  ausschlagen  wird.  Wollen  die  Engländer  es  endgültig  mit  dem  Schutzzoll
versuchen  —  nun  wohl:  sie  brauchen  uns  fürderhin  nicht  mehr  durch  Anderungen  lhrer
Handelspolltik  zu  belehren,  daß  wir  une  frelzumachen  haben  vom  englischen  Zwlschenhandel
und  unseren  deutschen  Welthandelsantell  ganz  auf  die  eigenen  Füße  zu  stellen  elfrigst
bestcebt  sein  müssen!

Unsere  Aufgabe  ist  es,  nach  jeder  Richtung  hin  die  une  gegebene  handelspolltische
Bewegungsfreihelt  umsichtig  zu  nutzen,  um  alle  Schädigungen  abzuwenden,  mit  denen
die  Mächte  des  Dreiverbandes,  jede  auf  ihre  Art,  uns  handelspolltisch  und  weltwirtschaftlich
bedacht  patten,  und  aus  elgener  Kraft  die  Bahnen  zu  wandeln,  die  uns,  unter  Beseltigung
der  uns  zugedachten  Schranken,  unter  sicherer  Gewährlelstung  des  Gleichgewichts  in  der
heimischen  Volkswirtschaft  weltwirtschaftlich  voranzubringen  versprechen.“

Der  Friedensvertrag  mit  der  Mraine  gab  der  sogenannten  Reziprozität
freiere  Bahn.  Er  ließ  vor  allen  Dingen  den  Weg  offen  zum  Abschluß
engerer  Wirtschaftsbündnisse.  Wenn  er  als  Beispiel  auch  nur  die  Zollvereinigung
  zwischen  Deutschland  und  dem  kleinen  Luxemburg,  zwischen
Osterreich-Ungarn  und  dem  kleinen  Liechtenstein  erwähnte,  so  war  doch
jedermann  darüber  klar,  daß  nicht  nur  solche  bestehenden  Berhältnisse
beim  Abschluß  dieses  Bertrages  ins  Auge  gefaßt  waren,  sondern  weit