Deutschland  im  neuen  Zweifrontenktleg.  139

Wäre  der  seelische  Zusammenbruch  des  durch  die  langen  Kriegsjahre
wirtschaftlich  notleidenden  Deutschland  nicht  gewesen,  so  hätte  es  undenkbar
erscheinen  müssen,  daß  die  Lehren  des  aus  durchaus  russischer  Denkweise
entstandenen  Bolschewismus  in  irgendwie  ernsthafterem  Maße  in  Deutschland
  hätten  Eingang  finden  können.  Aur  aus  den  wirtschaftlichen  Gedankenkreisen
  im  Russentum  können  wir  une  die  Voraussetzungen  und
die  Möglichkeiten  des  bolschewistischen  Wirtschaftsspsteims  einigermaßen
erklären.

Was  dem  fremden  Besucher  Rußlande  schon  in  gewöhnlichen
Friedenezeiten  besondere  auffiel,  das  war  der  Unwert  von  Raum  und
Zeit.  Bom  Unwert  des  Raumes  konnten  sich  während  des  Ostkrieges
Millionen  unserer  Feldgrauen  überzeugen,  wenn  sie  die  ungeheure  Geländeverschwendung
  in  der  Anlage  der  russischen  Wege  betrachteten,
von  denen  mindestene  drei  in  großer  Breite  nebeneinander  herzuführen
pflegen,  die  überaus  mangelhafte  Rutzung  dee  Ackerbodene,  die  Sorglosigkeit,
  mit  der  Hindernisse  der  Feldbestellung  stehen  gelassen  werden,
und  dergleichen  mehr.  Der  Unwert  der  Zeit  ist  einc  allgemeine  orientalische
  Erscheinung,  für  die  gleichfalls  Tausende  von  Deutschen,  deren
Blickweite  vordem  nur  die  ihres  Kirchturms  gewesen,  einiges  Verständnie
gewonnen  haben,  wenn  sie  das  Handeletreiben  in  orientalischen  Bazaren
und  die  sozlalen  Gepflogenheiten  asiatischen  Lebens  mit  eigenen  Augen
beobachteten.

Besonderheiten  des  großrussischen  Wirtschaftslebene,  wenigstens  von
Europa  aus  betrachtet,  waren  ferner  die  Gemeinwirtschaft  der  Oörfer,
ein  zur  Förderung  rationeller  Landwirtschaft  sehr  wenig  geeignetes
System,  das  zu  seinem  TCeil  dazu  beitrug,  daß  der  russische  Bauer  im
allgemeinen  nicht  den  Ehrgeiz  hatte,  wesentlich  mehr  zu  produzieren,  ale  er
brauchte,  um  den  eigenen  Lebensunterhalt  zu  decken,  die  ihm  auferlegten
Abgaben  zu  bezahlen  und  Schnaps  zu  kaufen.  Die  Industric  scheint  dem
Aussen  wesenefremd.  Sie  ist  weitaus  in  der  Hauptsache  durch  die  Arbeit
fremder  Unternehmer  nach  dem  eigentlichen  Rußland  verpflanzt  worden.

Auf  diesem  Boden  einer  nach  unseren  Begriffen  unwirtschaftlichen
Denkweise  und  seit  altereher  ausgebreiteten  Gemeinwirtschaft  haben  die
Bolschewiki  den  Bersuch  unternommen,  die  ganze  Volkewirtschaft  kommunistisch
  aufzubauen.  Die  im  russischen  Geistesleben  stark  vertretene  Neigung
zu  völkerbeglückenden  Ideen  und  allgemeinen  Träumereien  von  Menschheitserlösung
  trägt  das  ihre  dozu  bei,  breitere  Volkeschichten  für  ein  solchee
Erperiment  empfänglich  zu  machen.

Leitmotiv  des  bolschewistischen  Wirtschaftsspstems  ist  die  sogenannte
„Nationalisierung“  der  Volkewirtschaft,  was  nichts  anderes  besagen  will
ale  die  Einführung  von  Grund  aus  kommunistischer  Methoden.  Der