146  Aueblick.

genügsamen  Eigenwirtschaft  dee  geschlossenen  Handelsstaates,  der  alle
Bedürfnisse  seiner  Bewohner  aus  der  eigenen  Produktion  zu  decken
trachtet.  In  Wahrheit  finden  wir  keines  der  beiden  Extreme  praktisch
irgendwo  in  absoluter  Reinbeit  entwickelt.  Auch  bei  formeller  Gleichbeit
und  unbeschränkter  Freiheit  der  Handelebeziehungen  sind  die  Bedingungen,
  unter  denen  sich  das  Wirtschaftsleben  innerhalb  der  verschiedenen
volkewirtschaftlichen  Gemeinschaften  vollzieht,  keineswege  die  gleichen,
da  nicht  nur  natürlicher  Bodenreichtum,  verkehrsgeographische  und
klimatische  Bedingungen  grundverschieden  sind,  sondern  auch  die  Bedürfnisse,
  die  wirtschaftlichen  Fähigkeiten  und  der  Kulturstand  der  Bevölkerung.
Die  naturgemäße  weltwirtschaftliche  Arbeiteteilung  richtet  sich  nicht  lediglich
nach  den  Bodenschätzen,  die  einem  Lande  abgewonnen  werden  können  —
sie  richtet  sich  auch  nach  der  Bevölkerungsdichte,  dem  Bevölk  chst
dem  überlieferten  Stande  und  der  Fortentwicklung  dee  technischen  Könnene.

In  den  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Kriege  hatte  sich  nach  Zeiten,
in  denen  die  Freihandelslehre  die  Vorherrschaft  gehabt,  eine  starke  Tendenz
entwickelt,  die  unter  dem  äußeren  Gepräge  dee  Schutzzollsystemo  darauf
hinausging,  die  einzelnen  volkswirtschaftlichen  Gemeinschaften  möglichst
allseitig  zu  entwickeln  und  in  reinen  Agrarländern  auch  die  verschiedensten
Zwecke  industrieller  Produktion  zu  begünstigen.  Der  Krieg  mit  seiner
Fülle  mehr  oder  weniger  erzwungener  wirtschaftlicher  Begleiterscheinungen
hat  das  Streben  nach  geschlossener  Eigenwirtschaft  gewaltsam  gesteigert.
Nicht  nur  die  von  der  Blockade  der  Entente  betroffenen  europäischen
Mittelmächte  sahen  sich  aus  dem  Weltverkehr  herausgerissen  und  darauf
angewiesen,  ihre  ganze  Wirtschaft  fast  restlos  auf  die  Erzeugnisse  des
eigenen  Bodens  einzustellen,  sondern  auch  überseeische  Gebiete  litten  infolge
der  mehr  und  mehr  ansteigenden  internationalen  Frachtraumnot  unter
wesentlich  verringerten  Handelsbeziehungen  zur  Außenwelt  und  mußten
demgemäß  nach  mancherlei  Umstellung  ihres  wirtschaftlichen  Systems
trachten.  Während  auf  der  einen  Seite  die  Rohstoffnot  in  großem  Umfange
  neue  Erfindungen  zeitigte,  die  durch  neue  Verwendung  der  im
Lande  vorhandenen  Hilfestoffe  die  Abschließung  vom  Weltmarkt  wenigstene
notdürftig  auszugleichen  bestimmt  waren,  hat  auf  der  anderen  Seite
der  Nohstoffüberfluß  beim  Ausbleiben  fremder  Fertigfabrikate  neue
Industrien  gezüchtet.  Wohl  hat  man  sich  an  beiden  Stellen  unter  dem
Zwange  der  Verhältnisse  über  die  wesentlich  eingeengten  Beziehungen
hinweggeholfen,  doch  wurde  letzten  Endes  überall  der  Druck  der  gewaltsamen
  Herabminderung  des  Außenverkehrs  so  stark  empfunden,  daß  eine
natürliche  Reaktion  nicht  ausbleiben  kann  und  das  Verlangen  nach  Wiederberstellung
  zweckmäßig  abgemessener  weltwirtschaftlicher  Arbeitsteilung
stärker  und  natürlicher  hervortreten  wird  denn  je  zuvor.