152  Allgemeiner  Uberblick.

bald  hüben  bald  drüben  stärkere  Auffüllung  finden  müssen.  Dann  wird
der  Krieg  zum  Eisenbahnkrieg,  wie  man  nicht  ohne  Grund  den  deutschen
Zweifrontenkrieg  bis  zum  Siege  in  Rußland  genannt  hat.

Mit  der  gewaltigen  Ausdehnung  der  Anwendung  technischer  Hilfsmittel,
  Autzbarmachung  der  Verkehrsmittel  und  der  Aufgabe  der  Heeresversorgung
  auf  allen  Gebieten  ist  aber  das  Mehr  an  neuen  Aufgaben,
die  der  Krieg  der  Gegenwart  zu  lösen  gibt,  noch  nicht  annähernd  erschöpft.
Der  moderne  Krieg  ist  eben  nicht  nur  ein  Waffenkrieg,  auch  nicht  nur  ein
Eisenbahnkrieg,  sondern  er  ist  in  denkbar  weitestem  Umfange  zugleich
ein  Wirtschaftskrieg.  Wirtschaftliche  Beweggründe  können  ihn  heraufbeschwören,
  wirtschaftliche  Waffen  aller  Art  werden  ihm  nutzbar  gemacht.
Wie  die  Kriegezüge  nomadisierender  Bölker  Kämpfe  um  die  Futterplätze
waren  im  eigentlichsten  Sinne  des  Wortes,  so  werden  im  modernen
Weltwirtschaftegetriebe  die  Kriege  zu  Kämpfen  um  den  Anteil  am  Weltmarkt.


Deutschland,  den  lästigsten,  weil  fleißigsten  und  daher  erfolgreichsten
Wettbewerber  auf  dem  Weltmarkt,  mit  Gewalt  zu  verdrängen,  war  eine
der  Hauptabsichten  unserer  Gegner,  die  den  Krieg  herbeigeführt.  Nicht
nur  militärisch  mußten  wir  uns  zur  Wehr  setzen,  sondern  auch  wirtschaftlich
  —  gemäß  den  Gedanken  und  Plänen  unserer  Gegner,  uns  durch
wirtschaftliche  Kriegführung  womöglich  entscheidender  zu  schlagen  als  durch
den  Waffenkrieg.

Die  Rechnung  war  scheinbar  recht  einfach.  Wir  kannten  sic  aus  der
ganzen  Vorbereitungszeit  der  sogenannten  Einkreisungepolitik.  Während
jener  Zeit  war  une  deutlich  genug  zu  verstehen  gegeben,  daß  Deutschland
nicht  nur  durch  militärische  Einkreisung  allseitig  bedroht,  sondern  auch
vom  Weltmarkt  vollständig  abgeschnitten  werden  sollte.  Mit  diesem  Weltmarkt
  stand  Deutschland  in  der  letzten  Zeit  vor  dem  Kriege  in  einem
jährlichen  Warenauetausch  von  mehr  ale  zwanzig  Milliarden  Mark.  Die
deutsche  Handelestatistik  schien  unzweideutig  darzutun,  daß  Deutschland
für  seine  Nahrungszwecke  in  beträchtlichem  Grade  abhängig  war  von  der
Zufuhr  ausländischen  Getreides  und  anderer  Nahrungsmittel.  Seine
Industrie  bedurfte  in  gleich  hohem  Grade  überseeischer  Rohstoffzufuhr
und  mußte  anscheinend  zum  Stilliegen  verurteilt  sein,  wenn  diese
ausblieb.  Die  gleichzeitige  Abschneidung  des  großen  deutschen  Exports
an  industriellen  Erzeugnissen  verhieß  das  gewerbliche  Leben  ebenso  schwer
zu  treffen  und  Deutschland  einerseite  sozial,  anderseits  finanziell  in  eine
äußerst  schwierige  Lage  zu  bringen.  Alle  diese  Erwägungen  führten
letzten  Endes  zu  der  im  Auslande  feststehenden  Meinung,  daß  es  nicht
schwer  sein  könne,  das  eingekreiste  und  mit  Krieg  überzogene  Deutschland
auszuhungern,  und  zwar  im  bildlichen  Sinne  durch  Erdrosselung  seiner