Überschätzung  und  Unterschätzung  der  deutschen  Wirtschaftskraft.  153

ganzen  Volkewirtschaft,  aber  darüber  hinaus  auch  im  rein  wörtlichen
Sinne  durch  Abschneiden  der  Nahrungemittelzufuhr.

Oft  ist  von  deutscher  Seite  vor  dem  Kriege  solchen  Betrachtungen
der  Gegenseite  entgegengehalten  worden,  daß  die  Rechnung  große  Fertümer
  aufwiese.  Deutscherseits  wurde  betont,  —  ich  für  mein  Teil  habe
mich  in  diesem  Sinne  bemüht  durch  auszugeweise  im  ersten  Teil  dieser
Arbeit  angeführte  Aufsätze  im  „Tag“  sowie  die  bereits  1910  in  Conrade.
„Zahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik“  veröffentlichte  Arbeit
über  „Deutschlands  wirtschaftliche  Zukunft  in  Krieg  und  Frleden“  —
daß  zunächst  einmal  England  in  uns  durchaus  nicht  nur  den  kräftigsten
Konkurrenten,  sondern  zugleich  auch  den  besten  Kunden  zu  betrachten
habe,  daß  ferner  Deutschland  nicht  entfernt  so  leicht  auszuhungern  sei,
wie  es  bei  oberflächlicher  Betrachtung  der  Welthandelestatistik  geschlossen
werden  könnte.  Wohl  hatte  Deutschland  eine  starke  Nahrungemitteleinfuhr,
aber  sie  bildete  doch  immerhin  nur  einen  Bruchteil  seiner  eigenen  Produktion
  an  Nahrungemitteln,  und  zwar  einen  bei  sorgsamem  Hauehalten
der  Wirtschaft  wenigstene  zeitweise  entbehrlichen  Bruchteil,  da  in  Zeiten
wachsenden  Wohlstandes  der  deutsche  Durchschnittskonsum  sich  nicht
unbeträchtlich  über  das  zur  Fristung  des  Lebens  wirklich  unentbehrliche
Maß  binaus  entwickelt  hatte.  Was  aber  die  Stillegung  der  Industrie
infolge  Entziehung  der  Nohstoffeinfuhr  und  Warenauefuhr  anbetrifft,
so  versprachen  die  Wirkungen  dieser  beiden  Maßnahmen  im  Verein  mit
der  Entziehung  von  Arbeitskräften  durch  den  Kriegebedarf  einander  in
hohem  Grade  zu  kompensieren,  ohne  vernichtende  Rückwirkungen  auf
unser  Wirtschafteleben  ausüben  zu  können.  Immerhin  erschien  es  trotz
der  unter  der  Voraussetzung  begrenzter  Kriegedauer  ale  falsch  erkannten
Rechnung  unserer  Gegner  geboten,  unter  den  obwaltenden  und  drohenden
Umständen  wirtschaftliche  Kriegsvorsorge  zu  treffen,  um  allen  schädlichen
Wirkungen  der  Aushungerungspläne  von  vornherein  nach  Möglichkeit  zu
begegnen.

Überschätzung  und  Unterschätzung  der  deutschen  Wirtschaftekraft
  in  seltsamer  Mischung  gehören  zu  den  wesentlichsten  Faktoren
der  Vorgeschichte  des  Krieges.

Überschätzt  wurde  die  Rolle  Deutschlands  als  Wettbewerber,  überschätzt
  auch  Wirkungsbereich  und  Hilfomittel  ausfuhrfördernder  Organisationen,
  unterschätzt  dagegen  die  wirtschaftliche  Widerstandskraft  Deutschlande
  im  Falle  künstlicher  Abschnürung  vom  Weltmarkt.

Zenseits  des  Kanals  wollte  man  nicht  einsehen,  daß  Deutschland  nicht
lediglich  als  Englande  schärfster  Wettbewerber,  sondern  auch  als  hervorragend
  wichtiger  Kunde  zu  betrachten  sei,  dessen  wirtschaftliche  Schwächung
England  selbst  Nachteile  bringen  würde.  Man  wollte  auch  nicht  glauben,