156  Allgemeiner  Uberblick.

Man  wollte  nichts  davon  hören,  wollte  sich  durch  solche  Gedanken
nicht  beunruhigen  lassen,  wollte  auch  kein  totes  Kapital  hinlegen  durch
massenhafte  Aufstapelung  von  allerlei  Rohstoffen,  die  wir  im  eigenen
Lande  nicht  oder  nicht  in  genügenden  Mengen  hervorbringen,  sondern
in  größeren  Massen  aus  dem  Auslande  beziehen  müssen,  und  von  denen
man  doch  wußte,  daß  sie  während  eines  Krieges,  wenn  die  Auefuhr
abgeschnitten  ist,  nicht  in  vermindertem,  sondern  sogar  noch  in  vermehrtem
Umfange  gebraucht  würden.  Während  wir  für  den  Krieg  zu  Lande,  zu
Wasser  und  in  der  Luft  mit  Eifer  rüsteten  und  uns  nicht  scheuten,  mit  einem
Schlage  ein  Milliardenopfer  auf  uns  zu  nehmen,  lebten  wir  wirtschaftlich
sorglo#  dahin,  schienen  die  wirtschaftliche  Kriegerüstung  zu  verschmähen.


Diese  Beobachtung  reizte  die  Angriffelust  unserer  Gegner.
Sie  wußten,  daß  Deutschland  mit  dem  Weltmarkt  verwachsen  war  durch
einen  jährlichen  Gesamtumsatz  von  nahezu  25  Milliarden  Mark,  und
glaubten  mit  einem  Schlage  unser  gesamtes  Wirtschaftsleben  brachlegen
zu  können,  wenn  sie  une  diesen  Außenhandel  unterbanden.  Sie  wußten,
daß  wir  Nahrungemittel  für  die  Volke-  und  Heeresverpflegung  und
Rohstoffe  für  unsere  industrielle  Arbeit  in  großem  Umfange  aus  dem  Auslande
  und  über  die  Meere  bezogen,  und  gaben  sich  der  Hoffnung  bin,
uns  wirtschaftlich  erdrosseln  zu  können,  sobald  sie  une  die  Hauptzufuhrwege
abschnitten.  Trotz  des  Vertrauens  zu  der  Wucht  der  russischen  „Dampfwalze“
  haben  sie  nicht  so  sehr  auf  entscheidende  militärisch-maritime
Siege  ihrer  zahlenmäßigen  Ubermacht  gerechnet,  wie  auf  die  wirtschaftliche
Verwundbarkeit  Deutschlands.  Es  war  die  sichere  Hoffnung  —  nein,
die  felsenfeste  Uberzeugung  unserer  Gegner,  daß  sie  une  durch  wirtschaftliche
  Not  in  sehr  absehbarer  Zeit  zu  einem  schmählichen  Frieden
würden  zwingen  können.  Aber  sie  haben  nicht  damit  gerechnet,  daß  der
Satz  „Not  macht  erfinderisch“  in  einem  hochentwickelten  Wirtschafteleben
vielleicht  nirgends  so  große  Gültigkeit  hat  wie  gerade  bei  ung  Heutschen.
Deehalb  befanden  sie  sich  bezüglich  des  Zeitmaßes  für  unsere  Niederringung
  in  einem  beträchtlichen  Frrtum.

Wie  Not  und  Hunger  unsere  primitiosten  Urahnen  zu  Erfindern  des
Ackerbaues  und  von  allerlei  Werkzeugen  gemacht  haben,  so  ruft  beim
heutigen  Kulturstande  ein  großer  wirtschaftlicher  Notstand  die  ganze
Wissenschaft  auf  zu  erfinderischer  Betätigung;  und  das  eigentlich  hätte
das  gegnerische  Ausland  sich  im  voraus  gesagt  sein  lassen  können,  daß
nirgende  so  sehr  wie  bei  uns  Wirtschaft  und  Wissenschaft  in  Fühlung
miteinander  stehen,  daß  nirgends  auf  so  breiter  Grundlage  wie  bei  uns
das  wissenschaftliche  Auffinden  von  Aushilfemitteln  im  Falle  des  Mangels
an  irgendeiner  Stelle  gewährleistet  ist.  Wenn  unsere  Gegner  nicht  selbst