Aushilfsmittel  bei  wirtschaftlicher  Absperrung.  157

dieses  große  Zutrauen  zu  der  Leistungsfähigkeit  deutscher  Wissenschaft
und  der  Möglichkeit  wirtschaftlicher  Nutzbarmachung  ihrer  Arbeit  gehabt
hätten  —  wie  wäre  es  dann  denkbar  gewesen,  daß  beispielsweise  an  einzelnen
  technischen  Hochschulen  in  Deutschland  vor  dem  Kriege  ein  gutes
Drittel  der  sämtlichen  Hörer  aus  Aueländern  bestanden  hat?!

Die  feindliche  Rechnung,  der  wir  zu  begegnen  suchen  mußten,  war
in  ihren  großen  Hauptpunkten  offensichtlich  ziemlich  einfach:  Wie  sollte
Deutschland  sich  ernähren,  wenn  ihm  die  Weizeneinfuhr  abgeschnitten  war?!
Wie  sollte  es  militärisch  den  Krieg  durchhalten  können,  wenn  den  Munitionefabriken
  die  Vorräte  an  Kupfer  und  Salpeter  auogingen?!  Wie  sollte
die  deutsche  Zndustrie  in  Betrieb  bleiben,  wenn  ihr  auch  nur  das  Schmieröl
fehlte?!  Das  waren  alles  Fragen,  die  man  sich  im  feindlichen  Auslande
offenbar  etwas  zeitiger  gestellt  hatte  als  bei  und,  bei  deren  Beantwortung
man  aber  weder  mit  deutscher  Willigkeit  zum  zähen  Einordnen  in  die
Gebote  kriegewirtschaftlicher  Organisationen,  noch  mit  dem  schier  unerschöpflich
  sich  betätigenden  deutschen  Erfindungzgeist  gerechnet  hatte.

Trotz  Unterbindung  der  Einfuhr  von  Brotgetreide  und  trotz  einer
zwar  menschlich  sehr  schönen,  ökonomisch  aber  sehr  unbedachten  Liebesgabenwirtschaft
  in  der  ersten  Kriegszeit  genügte  die  Befähigung  der  deutschen
Landwirtschaft  zur  Deckung  des  heimischen  Bedarfs  über  Erwarten  lange.
Erst  nach  einem  vollen  halben  Kriegsjahre  wurde  zu  durchgreifender
Regelung  der  Brotversorgung  geschritten,  die  uns  dann  in  den  Stand
setzte,  immer  wieder  bie  zur  neuen  Ernte  wenigstens  notdürftig  durchzuhalten,
  wenn  bieweilen  die  Streckung  auch  recht  erhebliche  Schwierigkeiten
  verursachte.

Was  die  erwähnten  Rohstoffe  der  Munitionsherstellung  anbetrifft,
so  hatte  Deutschland  vor  dem  Kriege  allein  für  335  Millionen  Mark  Kupfer
und  für  rund  175  Millionen  Mark  Salpeter  eingeführt;  aber  wir  waren
natürlich  nicht  entfernt  in  dem  Maße,  auf  das  diese  Ziffern  schließen
lassen,  wirklich  abhängig  von  den  überseeischen  Einfuhren.  Wir  hatten  uns
die  Kupferplatten  nicht  auf  unser  Butterbrot  gelegt  und  verspeist.  Viel
Kupfer  war  für  Export  mit  verarbeitet  worden,  viel  anderes  für  Luxusgegenstände
  in  der  heimischen  Wirtschaft.  In  großem  Maße  war  im
Notfalle  das  Kupfer  in  unseren  Hauzhalten,  in  der  Außendekoration
unserer  öffentlichen  und  privaten  Gebäude,  in  der  Ausrüstung  unserer
Verkehremittel  wieder  greifbar.  Oder  es  konnte  ersetzt  werden  durch  andere
Metalle.  Abschneidung  von  der  Salpetereinfuhr  aber  konnte  unsere
Aunitloneherstellung  vollends  nicht  beeinträchtigen,  da  ja  schon  vor  dem
Kriege  die  Möglichkeit  gegeben  war,  Salpeter  zu  gewinnen  aus  einem
Stoff,  den  keine  englische  Blockade  uns  abzuschneiden  vermochte:  nämlich
aus  der  und  umgebenden  Luft.