170  Allgemeiner  Uberblick.

Indessen  —  der  Krieg  erfordert  eben  doch  tatsächlich  alle  Kräfte;
und  im  Laufe  der  Zeit  hat  denn  auch  die  Mobilmachung  der  Zivilintelligenz
allerlei  Fortschritte  gemacht.  Mancher  Zntellektuelle,  der  sich  früher
überhebend  zu  einer  sogenannten  „Partei  der  Intellektuellen“  bekannt
hatte  —  die  in  dieser  Zusammenfassung  freilich  nicht  die  große  Partei
der  Gebildeten  zu  sein,  sondern  sich  mehr  auf  die  Partei  der  Eingebildeten
zu  beschränken  schien  —,  trug  selbst  die  Schuld  daran,  daß  der  Krieg  für
ihn  zunächst  kein  Plätzchen  offen  lassen  wollte;  denn  dieser  hatte
eben  völlig  außerhalb  seines  Gedankenkreises  gelegen.  Nie  hatte  er  sich
in  den  langen  Friedenezeiten  die  Frage  vorgelegt,  welchen  Wert  sein
besonderer  Beruf  vielleicht  in  Kriegezeiten  gewinnen,  wie  er  seine  Kenntnisse
  den  Kriegszwecken  nutzbar  machen  könnte.  Gar  mancher  wird  aus
den  erlebten  Erfahrungen  für  sich  und  seine  Nachkommen  die  Lehre  geschöpft
  haben,  daß  es  dem  Staatebürger  nicht  wohl  ansteht,  nur  in  ständigen
Friedensgedanken  dahinzuleben  und  jedes  Rechnen  mit  Kriegemöglichkeiten
  als  eine  unmoderne  und  veraltete  Beschäftigung  von  sich  zu  weisen.
Schließlich  gehen  wir  ja  doch  seit  alten  Zeiten  —  mögen  wir  noch  so  friedfertig
  gesinnt  sein  —  in  der  Regel  so  etwa  alle  Menschenalter  oder  alle
halbe  Zahrhunderte  durch  einen  großen  Krieg  und  werden  nie  aufhören
dürfen,  unsere  Staatseinrichtungen  und  das  Leben  des  einzelnen  so  zu
orientieren,  daß  dieses  unvermeidbare  Schicksal  uns  nicht  gänzlich  unvorbereitet
  trifft.  «

Die  im  weiteren  Kriegsverlauf  durchgeführten  Maßregeln  der  wirtschaftlichen
  Mobilmachung,  der  Mobilmachung  des  Arbeitemarktes  usw.
fübrten  dann  schließlich  dahin,  daß  der  Sozialpolitiker,  der  Volkswirt,
der  Statistiker,  der  Berkehrspolitiker  nach  anfänglichem  Brachliegen  der
Kräfte  vielerlei  Gelegenheit  fanden,  sich  dem  Vaterlande  nützlich  zu  erweisen.

Weiter  ist  zu  gedenken  der  großen  Organisationsarbeit,  die  uns
aufgedrungen  wurde  durch  das  engmaschige  System  feindlicher  Lügenverbreitung
  in  aller  Welt,  dessen  Abwehr  unendliche  Mühe  und  vielseitige
  Hilfe  in  Anspruch  nimmt.  Erwähnung  verdient  auch  etwa  die
meteorologische  Beratung,  deren  Sec-  und  Luftflotte  bedürfen.

Der  Aufgabenkreis  erweiterte  sich  mit  der  fortschreitenden  Besetzung
fremden  Landes.  Da  gab  cs  neue  Gebiete  zu  verwalten,  juristischen,
finanziellen,  volkswirtschaftlichen,  technischen,  nationalpolitischen,  sprachlichen
  und  viclerlei  anderen  Beistand  zu  leisten.  Kurz  und  gut:  Die
Mobilmachung  der  Ziovilintelligenz  kam  langsam  in  die  Wege.  Selbst
wer  für  die  Kriegszeit  im  cigentlichsten  Sinne  „ausgespielt“  zu  haben
glauben  mußte:  der  Schaufpicler,  der  Musiker  —  sie  konnten  mittelbar
Kriegedienste  leisten  durch  Aufheiterung  und  Erbauung  der  von  ihren
Wunden  langsam  Genesenden.