Ole  Mobllmachung  der  Zlvillntelligenz.  171

Wie  lange  nach  Kriegsausbruch  das  Verständnis  für  die  Bedeutung
wirtschaftlicher  Mobilmachung  aber  auch  an  den  zuständigen  Stellen
noch  ein  höchst  unvollkommenes  blieb,  dafür  schließlich  einige  aktenmäßige
Belege:

Von  seiten  eines  im  stellvertretenden  Großen  Generalstab  beschäftigten
  Herrn  trat  im  Februar  1915  eine  Anregung  an  den  Verfasser
beran,  gemeinsam  führende  Persönlichkeiten  der  deutschen  Wirtschaft  und
Wissenschaft  zur  Meinungsäußerung  über  die  wirtschaftlichen  Mobilmachungsfragen
  aufzufordern.  Daraufhin  erging  im  März  1915  von  uns
aus  das  folgende  Rundschreiben:

„Berlin,  im  März  1915.  Vertraulich!  Euer  Hochwohlgeboren  erlauben  wir  uns  in
der  Anlage  eine  Deneschrift  mit  der  Bitte  zu  übersenden,  zu  derselben  auch  Shrerseite
Stellung  nehmen  zu  wollen.  Der  Verfasser  der  Denkschrift  ist  mit  zablreichen  Männern
der  Wissenschaft  und  Praxis  der  Ansicht,  daß  eine  derartige  Abteilung  auf  wissenschaftlicher
  Grundlage  aufgebaut  und  daher  nur  dem  obersten  militärwissenschaftlichen  Institut,
dem  Generalstab  —  nicht  aber  dem  Krlegoministerium  —  angegliedert  werden  darf,  welch
letzteres  ausschließlich  Aufgaben  des  Militä  n  gs  gebiets  zu  lösen  hat.

Während  das  Kriegeministerium  vor  allem  für  DHecung  des  Heeresbedarfs  zu
sorgen  und  zu  diesem  Zweck  kürzlich  auch  eine  „Kriege-Rohstoff-Abteilung“  ine  Leben
gerufen  hat,  soll  die  „Abtellung  für  Kriegewirtschaft“  des  Generalstabs  in  dauerndem
Konnex  mit  den  Autoritäten  der  Nationalskonomie  und  des  praktischen  wirtschaftlichen
Lebens  die  Entwicklung  dee  letzteren  aufmerksam  verfolgen  und  ihren  ständig  wechselnden
Anforderungen  die  wirtschaftlichen  Mobilmachungevorarbeiten  anzupassen  suchen.

Der  bieherige  Verlauf  dee  Krieges  hat  nach  Ansicht  dee  Verfassers  der  Dentschrift
gezeigt,  daß  auch  in  der  Heimat  eine  einheltliche  militärische  Leitung  unbedingt  erforderlich
  ist,  die  ein  Neben-  und  Gegeneinanderarbeiten  der  verschledenen  Milltär-  und  Zioilbehörden
  verhindert  und,  gestützt  auf  elnwandfreie  Ergebnisse  der  Wissenschaft  und  Praxie
unter  absoluter  Wahrung  der  militärischen  Interessen  —  in  engster  Fühlung  mit  dem
Generalstab  des  Feldheeree  —  den  Wirtschaftekrieg  nicht  nur  defensiv,  sondern  auch  offensio
zu  führen  imstande  ist  —  wobei  u.  a.  auch  aufklärende  Arbeit  der  Presse  wertvolle  Dienste
leisten  kann.

Da  in  dem  Stellvertretenden  Generalstab  bereits  eine  vorzüglich  durchgebildete
Nachrichten-  und  Presseabteilung  vorbanden,  welch  letztere  auch  in  dauerndem  Konner
mit  der  gesamten  Presse  des  In-  und  des  neutralen  Auslandee  steht,  ist  Verfasser  davon
überzeugt,  daß  gerade  dlese  Behörde  besser  wie  jede  andere  allen  Anforderungen  gerecht
werden  kann,  welche  an  die  oberste  Leitung  dee  Wirtschaftskrieges  zu  stellen  sind.

Ee  ist  mit  Rücksicht  auf  zu  befürchtende  „Ressortkonflikte“  nicht  möglich,  die  von  dem
Verfasser  gegebenen  Anregungen  schon  jetzt  zu  berücksichtigen.  Um  aber  der  Schaffung
einer  „Abteilung  für  Kriegewirtschaft“  im  Gencralstab  —  deren  Gründung  nach  den  jetzt
gemachten  Erfahrungen  wohl  kaum  mehr  von  der  Hand  zu  weisen  sein  dürfte  —  vorzuarbeiten,
  sollen  die  Erfahrungen,  welche  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  in  diesem  Kriege
bereits  gemacht  sind  und  noch  gemacht  werden,  als  Material  für  die  projektierte  Abteilung
gesammelt  werden.

Wir  erlauben  uns  daher  an  Euer  Hochwohlgeboren  ferner  die  Bitte  zu  richten:
1.  ein  Gutachten  über  die  Fragen  einzureichen:

a)  kann  Deutschland  den  ihm  aufgezwungenen  Wirtschaftekrieg  erfolgreich  bestehen

auch  wenn  derselbe  noch  Jahre  hindurch  geführt  werden  müßte?