Die  wirtschaftliche  Kriegsvorsorge.  177

zur  Klarheit  gekommen,  ja,  der  damalige  Chef  des  Stellvertretenden
Generalstabes  der  Armee,  Exzellenz  v.  Moltke,  bedeutete  dem  Berfasser
in  einem  Schreiben  vom  5.  Mai  1915,  daß  der  Urheber  der  eben  mitgeteilten
  und  von  mir  aus  weitergegebenen  Denkschrift  mit  mir  „zur
Erörterung  wirtschaftlicher  Fragen  ohne  jedweden  Auftrag  oder  Ermächtigung
  seitens  des  Ersten  Stellvertretenden  Generalstabes  in  Verbindung
  getreten“  sei.

In  dem  Schreiben  des  Generalobersten  v.  Moltke  erblickte  ich  nicht
nur  eine  unverdiente  Abschüttelung  eines  neben  seinen  Ressortpflichten
in  seiner  freien  Zeit  auf  Grund  seiner  Einblicke  in  die  dem  Vaterlande
drohenden  Gefahren  sich  emsig  um  deren  Abwehr  mühenden  Mannes,
sondern  auch  eine  Art  persönlicher  Zurückweisung,  die  mich  zu  einer  Antwort
an  den  Stellvertretenden  Chef  des  Generalstabes  veranlaßte  (10.  Mai  1915),
deren  Hauptteil  hier  wiederzugeben  ich  mich  nicht  enthalten  kann:

„Ich  für  mein  Teil  habe  die  gegebenen  Anregungen  in  Richtung  einer  Klärung  der
Frage  nach  der  zweckmäßigsten  Organisation  für  wirtschaftliche  Kriegsvorsorge  und  Führung
  des  Wirtschaftskrieges  um  so  lieber  ausgenommen  und  weiter  verfolgt,  als  ich  mit
diesen  rein  privatim  erfolgten  Anregungen  durchaus  einverstanden  war  und  sowohl  vor
Kriegebeginn  wie  während  des  ganzen  bieherigen  Verlaufes  des  Krieges  mit  ernstester
Besorgnis  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte,  daß  die  mit  der  Durchführung  des  Waffenkriegee
  heute  schlechterdinge  untrennbor  verbundenen  Aufgaben  der  Kriegswirtschaft  und
des  Wirtschaftskrieges  an  den  amtlichen  Stellen  nicht  das  volle  Maß  des  notwendigen
Verständnisses  gefunden,  worüber  heute  innerbalb  der  führenden  Organisationen  unseres
Mirtschaftslebens  auf  landwirtschaftlicher  wie  auf  industrieller  Seite  leider  volle  Übereinstimmung
  perrscht.  Ich  habe  seinerzeit  im  Großen  Generalstab  bei  Seiner  Exzellenz
Herrn  Frelberrn  v.  Freptag-Loringhoven  lebhaftes  Interesse  für  wirtschaftliche  Kriegevorsorge
  gefunden,  doch  hat  in  der  Praxie  kein  Ressort  sich  dieser  Aufgabe  durchgreifend
angenommen.  Das  deutsche  Volk  würde  nach  Freigabe  der  öffentlichen  Erörterung  seinen
leitenden  Persönllchkelten  die  ernstesten  Vorwürfe  machen  mussen,  wenn  sich  herausstellen
  sollte,  daß  die  volle  Lösung  der  Zeitaufgaben  auf  den  Gebieten  der  Kriegewirtschaft
seletn  benne  mer  engherziger  Eifersüchtelei  einzelner  Ressorte.
Da  ich  in  keinerlel  amtlicher  Stellung  slehe  und  demgemäß  durch  Ressortrücksichten  nicht
gebunden  bin,  werde  ich  für  mein  Tell  nach  wie  vor  es  für  melne  unerläßliche  vaterländische
Pflicht  halten,  Aufklärung  über  dle  außerordentliche  Bedeutung  der  kriegewirtschaftlichen
  Fragen  zu  verbreiten  und  mitzuarbeiten  daran,  daß  über  die  zweckmäßigste  Form  einer
großzügigen  Leltung  der  kriegswirtschaftlichen  Organisationen  Klarhelt  geschaffen  werde.“

In  welchem  Maße  das  Verständnie  für  die  Notwendigkeit  wirtschaftlicher
  Kriegevorsorge  auch  in  den  Kreisen  unserer  Bolksvertretung
gefehlt  hatte,  dafür  ein  kleiner  Beleg  aus  persönlicher  Erinnerung:

Als  der  Heeresdienst  mich  fern  im  verbündeten  Auslande  hielt,
hatte  ich  in  der  bulgarischen  Hauptstadt  Gelegenheit,  den  Vortrag  eines
sehr  bekannten  deutschen  Reichstagsabgeordneten  über  die  deutsche  Kriegswirtschaft
  zu  hören.  Darin  bemerkte  er,  ein  Mitglied  der  Fortschrittlichen
Volkepartei,  daß  Deutschland  wirtschaftlich  in  den  Krieg  „blind  hinein

Ditx,  Wurtschaftskrieg  und  Nriegswirtschaft.  12