178  Allgemeiner  Uberblick.

gestolpert“  sei.  Als  sich  folgenden  Tages  Gelegenheit  zu  längerer  Unterhaltung
  bot,  fragte  ich  den  Herrn  Abgeordneten,  wie  es  denn  möglich
gewesen  sei,  daß  nach  seinem  Ausspruch  auch  der  Reichstag  so  blind  in  die
Kricgswirtschaft  hineingetappt  ist,  da  den  führenden  Reichstagemitgliedern
doch  die  zahlreichen  Flug-  und  Denkschriften  über  wirtschaftliche  Kriegsvorsorge
  —  wie  sie  auch  von  der  Rednertribüne  des  Hohen  Hauses  herab
wiederholt  Erwähnung  gefunden  —  zweifellos  hätten  bekannt  sein  müssen.
Die  Antwort  lautete  ziemlich  wörtlich:

„Ja,  gewiß  waren  mir  diese  Anregungen  bekannt,  und  ich  habe
auch  in  meiner  Fraktion  den  Bersuch  gemacht,  auf  die  Gefahren  einer
Abschneidung  Deutschlands  von  den  notwendigen  Zufuhren  durch  englische
  Blockade  aufmerksam  zu  machen  und  die  Notwendigkeit  der  Gegenwehr
  darzulegen;  aber  meine  Kollegen  sprangen  auf  wie  ein  Mann,  als
ich  gegen  England  die  Berdächtigung  (1)  äußerte,  es  könne  in  dieser  Form
gegen  Deutschland  Stellung  nehmen.“

Da  haben  wir  denn  allerdings  ein  so  blindes  Hineintappen  in  den
Krieg,  wie  wir  es  uns  krasser  kaum  vorstellen  können.  Alle  weltgeschichtlichen
  Erfahrungen  mit  Bezug  auf  England,  alle  furchtbaren  Lehren
des  Burenkrieges  waren  an  einer  großen  Fraktion  des  Deutschen  Reichs--tages
  so  spurlos  vorübergegangen,  daß  eine  leise  Andeutung  der  Möglichkeit
  eines  englischen  Hungerkrieges  gegen  Deutschland  ale  eine  selbst
im  verschwiegenen  Fraktionszimmer  nicht  zu  duldende  Beleidigung
Englande  empfunden  wurde.  Unter  solchen  Umständen  freilich  dürfen
wir  uns  wohl  über  nichts  wundern!

Der  Standpunkt  der  Negierung,  insbesondere  des  Reichsamts  des
Innern,  gegenüber  der  wirtschaftlichen  Kriegsvorsorge  war  neben  der
auch  hier  allzu  verbreiteten  Sorglosigkeit  in  der  Hauptsache  der,  daß
man  die  deutsche  Offentlichkeit  „nicht  aufregen“  dürfe  durch  besondere
Vorbeug  ßregeln,  die  auf  die  Möglichkeit  eines  Krieges  hätten
bindeuten  können  und  von  denen  man  annahm,  daß  sie  auch  im  Auelande
  als  Ergänzung  der  deutschen  Kriegsrüstung  aufgefaßt  werden
würden.

Die  Sorge  um  die  Ruhe  des  deutschen  Spießbürgere  spricht  ja  freilich
von  einem  guten  Herzen;  aber  von  einem  schärferen  Verstande  hätte  es
gezeugt,  wenn  man  etwas  mehr  über  den  Augenblick  hinaus  gesehen
baben  würde  in  die  doch  recht  düstere  Zukunft.  Und  was  die  Meinung
des  Auslandes  anbetrifft,  so  konnten  wir  ja  freilich  die  bedenkliche  Arglosigkeit,
  mit  der  wir  noch  im  Juli  1914  große  Roggensendungen  ins  Ausland
  gehen  ließen,  als  schlagenden  Beweis  dafür  anführen,  daß  wir  sicher
den  Krieg  weder  gewollt  noch  auch  nur  vorbereitet  hatten;  die  Kriegslust
der  Feinde  aber  wäre  nicht  geschürt,  sondern  weit  eher  gedämpft  worden,