182  Allgemeiner  Überblic.

Das  kriegswirtschaftliche  Experimentieren  setzte  sich  durch  fast
zwei  Kriegsjahre,  teilweise  sogar  noch  länger  fort.  Erst  am  22.  Mai  1916
wurde  das  gesamte  Kriegsernährungswesen  auf  eine  einheitliche  Grundlage
  gestellt,  indem  der  Bundesrat  den  Reichskanzler  ermächtigte,  eine
neue,  ihm  untergeordnete  Behörde  in  Gestalt  des  Kriegsernährungsamtes
zu  errichten,  desse  n  Präsident  das  Verfügungerecht  über  alle  im  Deutschen
Reich  vorhandenen  Lebenemittel,  Rohstoffe  und  solche  Gegenstände
erhielt,  die  zur  Lebenomittelversorgung  notwendig  sind,  ebenso  über  die
Futtermittel  und  die  zur  Viehversorgung  nötigen  Rohstoffe  und  Gegenstände.
  Dieser  sogenannte  Nahrungemitteldiktator  hätte  seines  Amtes
selbstwerständlich  ungleich  vorteilhafter  walten  können,  wenn  er  nicht  erst
im  Mai  1916,  sondern  im  August  1914  eingesetzt  worden  wäre!

Wirklich  großzügige  Planmäßigkeit  in  der  deutschen  Kriegswirtschaft
  trat  erst  ein  zu  einer  Zeit,  als  das  Maß  unserer  Durchhaltefähigkeit
  nahezu  erschöpft  hätte  erscheinen  müssen,  d.  h.  nach
reichlich  zweijähriger  Kriegsdauer.  Der  Eintritt  Rumäniens  in  den  Krieg
machte  jener  kriegswirtschaftlich  sorglosen  und  im  Vergleich  zur  Niesengröße
  der  Aufgabe  planlosen  Ara  ein  Ende,  indem  nach  Übertragung
des  Oberkommandos  an  den  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg
die  Oberste  Heeresleitung  sich  für  jene  Aufgaben  einsetzte,  die  längst
durch  die  Zivilverwaltung  großzügig  hätten  gelöst  sein  müssen.

Mit  jenem  31.  August  1916  änderte  sich  das  Bild.  Aunmehr  wurde
zu  äußerster  Konzentration  der  auf  den  Kriegsbedarf  eingestellten  Wirtschaft
geschritten:  Herbst  und  Winter  des  Jahres  1916  brachten  die  Einrichtung
des  Kriegsamtes,  das  mit  der  Förderung  aller  mit  der  Gesamttriegfübrung
  zusammenhängenden  Angelegenheiten  der  Beschaffung,  Verwendung
  und  Ernährung  der  Arbeiter,  der  Beschaffung  von  Nohstoffen,
Waffen  und  Munition  sowie  mit  der  Leitung  der  Ersatzangelegenheiten
betraut  wurde.  Hauptaufgabe  des  Kriegsamtes  war  die  sorgsame
Durchführung  des  sogenannten  Hind  d.  h.  die  Versorgung
  des  Heeres  mit  vervielfachten  WMengen  von  Munition  und  technischen
  Hilfemitteln.

In  bezug  auf  den  Bedarf  an  Munition  und  kriegstechnischen  Hilfeomitteln
  in  cinem  modernen  Kriege  hatten  unsere  leitenden  Stellen  sich
restlos  verrechnet:  Nach  kaum  sechswöchentlicher  Kriegedauer  erklärten
führende  Persönlichkeiten  unserer  ersten  Waffen-  und  Munitionsfabrik,
daß  der  Krieg  zu  diesem  Zeitpunkt  schon  reichlich  so  viel  Munition  verschlungen
  habe,  wie  für  die  ganze  Kriegsdauer  gerechnet  worden  sei.
Auf  der  Gegenseite  arbeitete  man  mit  einem  ungeheuren  Einsatz  an
Munition  und  kam  damit  allerdinge  auch  drüben  bereits  im  Oktober  1914
nahe  an  die  Grenze  der  Leistungefähigkeit  und  die  Erschöpfung  der  Bestände.