190  Arbeltsmarkt  und  Sozialpolltik.

nach  der  Mobilmachung  an  Bedcutung  für  den  Verlauf  des  Krieges  nicht
zurücksteht  hinter  der  Fürsorge  für  die  Deckung  des  Nahrungemittel-Bedarfs!
  So  wenig  wie  der  Soldat  das  Brot,  kann  das  Geschütz  die
Munition  entbehren.  Die  gesamte  Kriegesmaterial  liefernde  Industrie
muß  selbstverständlich  in  vollstem  Betriebe  erhalten  bleiben.  Ihr  Umfang
aber  hat  sich  ja  nicht  nur  mit  dem  Wachstum  des  Heereskörpers  entsprechend
  vermehrt,  sondern  ist  in  noch  weit  stärkerem  Maße  gesteigert
worden  durch  die  mannigfachen  Anforderungen  der  modernen  Kriegstechnik.
  Es  kommen  nicht  nur  die  Waffen-  und  Munitionsfabriken  in
Betracht,  sondern  beispielsweise  auch  die  Automobil-  und  Flugzeugfabriken.
  Fe  komplizierter  der  technische  Apparat  ist,  um  so  mehr  sind  die
Fabriken  darauf  angewiesen,  mit  einem  gut  eingeschulten  Personal  zu
arbeiten,  in  das  die  Mobilmachung  keine  empfindlichen  Lücken  reißen  darf.
Ee  wird  einer  engen  Fühlung  zwischen  Bolkewirtschaft  und  Heeresleitung
bedürfen,  um  diesem  wichtigen  Gesichtspunkte  auch  bei  der  Mobilmachung
gebührend  Rechnung  zu  tragen.

Wie  schon  angedeutet,  haben  wir  unser  Augenmerk  aber  nicht  nur
auf  die  Bersorgung  der  einzelnen  wichtigsten  Produktionszweige  mit  den
unentbehrlichsten  Arbeitskräften  zu  richten,  sondern  auf  die  Unterbringung
der  Arbeitskräfte  um  ihrer  selbst  willen.  Wenn  in  schlechter  Jahreszeit
der  Menschenbedarf  der  Landwirtschaft  nur  gering  ist,  wenn  die  Einschnürung
  unserer  Grenzen  so  umfassend  wird,  daß  das  Darniederliegen
des  Berkehrs  zwischen  Volkswirtschaft  und  Weltmarkt  immer  weitere
Industriezweige  zur  Betriebseinstellung  zwingt,  dann  droht  trotz  der
Beanspruchung  einer  so  großen  Kopfzahl  durch  den  Kriegedienst  doch
in  beträchtlichem  Umfange  Arbeitslosigkeit  und  daraus  schließlich  resultierende
  Hungerenot,  die  nicht  nur  zu  einer  volkswirtschaftlichen  und  sozialen
Kalamität  werden  muß,  sondern  letzten  Endee  auch  ernste  soziale  Unruhen
im  Rücken  des  kämpfenden  Heeres  heraufzubeschwören  droht.  Staatliche
Unterstützung  der  Arbeitslosen  wird  kaum  in  solchem  Umfange  möglich
sein,  daß  derartigen  Folgen  mit  Sicherheit  vorgebeugt  werden  kann.
Auch  hier  kommt  es  vielmehr  darauf  an,  den  zum  Feiern  gezwungenen
Händen  leidlich  lohnende  Beschäftigung  zu  geben,  indem  man  sie  planmäßig
  und  rechtzeitig  solchen  Wirtschaftszweigen  zuführt,  die  sich  noch  zu
behaupten  vermögen.“

Diese  allgemeinen  Vorbemerkungen  über  die  Mobilisierung  des
Arbeitsmarktes,  die  in  meiner  vom  Großen  Generalstab  in  seinen
„Bierteljahrsheften  für  Truppenführung  und  Heereskunde“  veröffentlichten
  Abhandlung  „Volkewirtschaftliche  Kriegevorsorge“  im  Zuli  19153
erschienen,  glaube  ich  auch  hier  voranstellen  zu  sollen,  zumal  sie  nicht  ohne
praktische  Wirkung  geblieben  sind.