Die  Mobilisierung  des  Arbeitsmarktes.  191

Die  Frage  einer  Mobilmachung  des  Arbeitsmarktes  im  Kriegsfall
war  bis  dahin  wohl  noch  nirgends  systematisch  behandelt.  Durch  die  obigen
Aueführungen  sah  der  Verband  deutscher  Arbeitsnachweise  sich  veranlaßt,
mir  für  sein  Organ  die  Ausarbeitung  eines  kleinen  Gutachtens  über
„Bedürfnisse  und  Organisationen  des  Arbeitsmarktes  im  Kriegsfalle“
nahezulegen,  das  am  15.  Juni  1914  in  der  Zeitschrift  „Der  Arbeitsnachweis
in  Deutschland“  veröffentlicht  wurde.

Die  Forderung,  die  Arbeitsvermittelungen  während  des  Friedens
so  allgemein  und  planmäßig  auszubauen,  daß  bei  Kriegseauebruch  die
Mobilisierung  dee  Arbeitsmarktes  der  Heeresmobilisierung  parallel  gehen
könne,  fand  zwar  in  der  allzu  kurzen  Frist,  die  damale  bis  zum  tatsächlichen
Beginn  des  Krieges  nur  noch  verblieb,  keine  Erfüllung;  doch  konnten  die
Fingerzeige  wenigstens  im  entscheidenden  Augenblick  hie  und  da  nützliche
Dienste  tun,  wie  Ende  1914  durch  einen  Aufsatz  von  Dr.  Erdmann  Graack
in  der  Zeitschrift  „Der  Arbeiterfreund“  bekundet  wurde,  in  dem  es  mit
Bezug  auf  meine  erwähnte  Abhandlung  hieß:

„Die  Ausführungen  dee  Berfassers  fanden  nicht  nur  in  den
Kreisen  des  öffentlichen  Arbeitsnachweises  selbst  berechtigtes  Interesse,
sondern  sie  dienten  gleichzeitig  den  in  den  ersten  Augusttagen  dieses  Zahres
erlassenen  Berordnungen  der  Ninisterien  und  Verwaltungsbehörden
vielfach  als  Richtschnur  und  haben  jedenfalls  zum  Berständnis  der  Aufgaben
des  öffentlichen  Arbeitsnachweises  im  Kriege  wesentlich  beigetragen.“

Selbstverständlich  erforderte  es  nach  der  Erklärung  des  Kriegszustandes
  einige  Zeit,  den  großen  Apparat  einer  Mobilisierung  des  Arbeitsmarktes
  ins  Werk  zu  setzen.  Eine  gar  nicht  hoch  genug  zu  bewertende
Erleichterung  erfuhr  die  Lösung  der  dringlichsten  Aufgaben  auf  diesem
Gebiet  durch  den  Umstand,  daß  das  deutsche  Siebzig-Millionen-Bolk  bis
zum  letzten  Mann  die  Unvermeidbarkeit  dieses  Krieges  klar  erkannte  und
sich  zunächst  als  von  ungeahntem  VBerständnis  für  die  staatlichen  Lebensbedürfnisse
  durchtränkt  erwies.  Mit  einem  Schlage  waren  nicht  nur  alle
Parteigegensätze  in  dunkle  Fernen  zurückgerückt,  sondern  auch  der  erbitterte
Kampf  zwischen  den  verschiedenen  wirtschaftopolitischen  Auffassungen
der  einen  allgemein  herrschenden  Erkenntnis  gewichen,  daß  Deutschland
sich  für  die  Kriegszeit  einzurichten  habe  auf  den  Stand  eines  geschlossenen
Handelestaates  und  daß  alle  Kräfte  dahin  arbeiten  müßten,  innerhalb
dieses  engen  und  ungewohnten  Rahmens  das  wirtschaftliche  Aus-  und
Durchhalten  zu  ermöglichen.

Am  bemerkenswertesten  offenbarte  sich  diese  Erkenntnis  dadurch,  daß
bereits  am  ersten  Mobilmachungstage  selbst  die  großstädtische,  ländlicher
Arbeit  völlig  entfremdete  Bevölkerung  sich  in  unerwarteten  Mengen
freiwillig  zur  Verfügung  stellte,  um  die  Einbringung  der  noch  auf  dem