192  Arbeltsmarkt  und  Sodlalpolitit

Felde  liegenden  Ernte  zu  sichern.  Dies  war  das  erste,  vielverheißende
Anzeichen  für  die  Entschlossenheit  und  auch  für  die  Befähigung  dee  deutschen
Volkes,  die  wirtschaftliche  Kriegführung  aufzunehmen  und  durchzuführen,
so  wenig  man  sich  auch  bis  dahin  mit  ihr  beschäftigt  hatte.

Für  einen  zweiten  günstigen  Faktor  sorgte  die  Heeresleitung:  Der
wirtschaftliche  Kriegsplan  unserer  Gegner  ging  darauf  hinaus,  Deutschland
  militärisch  insbesondere  dort  zu  treffen,  wo  es  wirtschaftlich  am
empfindlichsten  ist.  Ein  rascher  Vormarsch  des  französisch-belgisch-englischen
Heeres  durch  Belgien  sollte  den  Stoß  führen  ins  Herz  dee  rheinisch-westfälischen
  Industriegebietes.  Dadurch  wäre  für  die  Kriegszeit  in  empfindlichster
  Weise  ein  wesentlicher  Teil  der  deutschen  Kohlengewinnung  und
der  deutschen  Waffenindustrie  getroffen  worden.  Es  läßt  sich  nicht  ausmalen,
  wie  ungeheuer  die  Schädigungen  unserer  Volkewirtschaft  und  die
Beeinträchtigungen  unserer  Kriegführung  gewesen  wären,  wenn  der
deutsche  Generalstab  diesen  Plan  hätte  gelingen  lassen,  anstatt  selbst  mit
starker  Hand  die  Gegeninitiative  zu  ergreifen  und  in  einem  Siegeszuge
des  deutschen  Heeres  von  unerhörter  Schnelligkeit  die  wichtigsten  Industriegebiete
  des  angrenzenden  Feindeelandes  in  die  deutsche  Hand  zu
bringen.  Dieser  erste  Teil  des  Feldzuges  war  von  so  einschneidender
Bedeutung,  daß  sein  militärisches  Gelingen  auch  unter  wirtschaftlichen
Gesichtepunkten  nicht  hoch  genug  veranschlagt  werden  kann.

Für  den  Arbeitemarkt  hatte  es  inebesondere  hohen  Wert,  daß  industrielle
  Grenzgebiete  mit  einer  so  hohen  Arbeiterziffer  wie  nicht  nur
diejenige  des  Rheinlandes,  sondern  auch  die  Lotbringene  vom  Feinde
freigehalten  wurden  und  schon  die  ersten  Schlachten  sich  jenseite  unserer
Grenze  abspielten.  Ebenso  blieb  Oberschlesien  vor  feindlichem  Einfall
bewahrt.

Daß  für  alle  Fälle  notwendige  Verteidi  ßregeln  und  die
Beanspruchung  des  gesamten  Eisenbahnwesens  für  militärische  Zwecke
gerade  in  diesen  Grenzgebieten  gleichwohl  der  industriellen  Arbeit
beträchtliche  Einschränkungen  unumgänglich  auferlegten,  mußte  als
unvermeidlich  hingenommen  werden.  Die  unerläßliche  Störung  des
ganzen  Berkehreswesene  durch  die  Mobilmachung  hatte  für  die  ersten
Wochen  überhaupt  einen  nicht  zu  umgehbenden  Stillstand  auf  dem  Arbeitemarkt
  zur  Folge.  Die  Zeit  dieser  Stockung  wurde  aber  eifrig  genutzt,
um  die  unvorbereitete  Mobilisierung  des  Arbeitemarktes  nachzuholen.
Seine  im  Frieden  vorhandenen  Organisationen,  wie  der  Verband  deutscher
Arbeitsnachweise  und  die  Vereinigung  deutscher  Arbeitgeberverbände,
traten  untereinander  sowie  mit  dem  Reichsamt  dee  Innern  und  dem
Preußischen  Handelsministerium  in  Fühlung,  welch  letzteres  unter  dem
15.  und  16.  August  durch  verschiedene  Erlasse  regelnd  in  die  Unterbringung