Ole  Periode  des  Mangels  an  männlichen  Arbeltskräften.  199

Waffendienst  zu  erwirken.  Im  Znteresse  ungestörter  Fortführung  der
Volkswirtschaft,  namentlich  im  Interesse  der  Kriegeindustrien,  wurde
behördlicherseits  diesen  Wünschen  und  Eingaben  besonders  in  der  ersten
Kriegezeit  in  weitem  Umfange  entsprochen;  als  aber  die  Ausdehnung
der  Fronten,  die  in  den  langwierigen  Kämpfen  geforderten  Opfer  und
die  lange  Dauer  des  Krieges  in  immer  größerem  Umfange  die  Einberufung
  aller  Wehrpflichtigen  notwendig  machten,  fand  mit
Bezug  auf  die  Befreiung  vom  Waffendienst  eine  wesentlich  weniger
entgegenkommende  Handhabung  statt,  so  daß  Industrie  und  Landwirtschaft
  außerordentliche  Mühe  hatten,  für  die  gehobenen  Posten  der  Arbeiter
und  Angestellten,  die  eine  besondere  Vorbildung  erfordern,  gceignete,
nicht  militärdienstpflichtige  Ersatzkräfte  heranzuschaffen.

Es  wurde  bereits  gesagt,  daß  schon  im  November  1914  die  kritische
Periode  auf  dem  Arbeitsmarkt  überwunden  war  und  die  Konjunktur  für
die  männlichen  Arbeiter  die  Anzeichen  eines  Hochstandes  zu  gewinnen
begann.  Waren  im  Juli  1914  laut  Ausweis  der  Statistik  im  Arbeitsnachweie
  auf  100  offene  Stellen  118,5  Arbeitsuchende  gekommen,  und
war  diese  Ziffer  im  August  emporgeschnellt  auf  den  außerordentlich
ungünstigen  Stand  von  225,7,  so  war  im  September  ein  Abfluten  auf
158,2  zu  verzelchnen  gewesen,  und  der  Stand  vom  Oktober  1914  war  mit
139,6  Arbeitsuchenden  auf  100  offene  Stellen  zwar  noch  kein  günstiger,
aber  doch  bereits  besser,  als  er  im  gleichen  Monat  dee  Vorjahres  gewesen.
Im  November  kamen  auf  100  offene  Stellen  nur  noch  133,8  Arbeitsuchende,
was  für  diesen  Monat  einen  verhältniemäßig  sehr  guten  Stand  bedeutet,
und  der  Oezember  hatte  mit  112,6  bereits  die  Kennzeichen  einer  blühenden
Hochkonjunktur  aufzuweisen.

Die  Arbeiten  der  unmittelbar  oder  mittelbar  an  den  Kriegslieferungen
und  der  Versorgung  der  im  Felde  stehenden  Wehrpflichtigen  Beteiligten
hatten  sich  fortgesetzt  gesteigert;  aber  auch  in  anderen  Gewerben,  selbst
in  solchen,  die  sich  mit  der  Herstellung  von  Luxusgegenständen  befassen,
trat  laut  amtlichen  Ausweises  des  Reichs-Arbeiteblattes  schon  Ende  1914
die  Belebung  des  Geschäftsganges  hervor:  Beim  Deutschen  Metallarbeiter-Verband
  waren  am  15.  August  1914  18,8  Prozent  der  Mitglieder  arbeitelos
gewesen  —  am  21.  November  waren  es  nur  noch  §,4  Prozent,  und  stellenweise
  begann  sich  bereits  Arbeitermangel  fühlbar  zu  machen.

Es  begann  —  wie  ich  es  damale  in  der  Tageepresse  ausdrückte  —,
der  wirtschaftlichen  Mobilmachung  zweiter  Akt:  der  Kampf  gegen
den  Arbeitermangel  löste  den  Kampf  gegen  die  Arbeitelosigkeit  ab.
Es  fehlte  nicht  mehr  nur  an  Werkführern  und  sonstigen  besondere  geschulten
  Arbeitern,  sondern  die  Industric  begann  auch  über  den  Mangel
an  ungelernten  Arbeitern  zu  klagen.