Das  Hindenburg-Programm.  235

Eine  außerordentlich  scharfe  Kritik  an  unserer  ganzen  Kriegsfinanzwirtschaft
  lieferte  der  Nachfolger  des  Grafen  Rödern,  Reichsminister
Dr.  Schiffer,  der  für  sein  Teil  übrigens  an  der  Ausgestaltung  der  durch
den  Reichstag  bewilligten  Steuergesetze  keineswege  unbeteiligt  gewesen,
in  der  Nationalversammlung.  Dort  führte  er  u.  a.  aus:

„Wenn  der  Abg.  Keil  die  Methode  unserer  Kriegefinanzierung  absprechend  beurteilte,
  so  kann  ich  ihm  leider  nicht  widersprechen;  ich  halte  sie  sowohl  in  den  Einnahmen
wie  in  den  Auegaben  mindestens  nicht  für  todelfrei.  Die  Ursache  liegt  in  demselben  Moment,
das  beinahe  allen  Erscheinungen  dieses  unglücklichen  Krieges  zugrunde  liegt:  man  hatte
an  elnen  kurzen  Krieg  gedacht,  und  ale  er  sachlich  und  zeitlich  uns  über  den  Kopf  wuche,
zeigte  sich  mehr  und  mehr,  daß  wir  ihm  nicht  gewachsen  waren.  Schon  bald  nach  Beginn
dee  Krieges  trat  die  üble  Erscheinung  hervor,  daß  die  Beschaffung  des  Kriegematerials
in  die  Hände  der  allerungecignetsten  Elemente  kam.  Es  sind  damals  Unsummen  verschleudert
  und  dadurch  Leute  bereichert  worden,  die  auch  moralisch  sehr  anfechtbar  waren.
Der  Krieg  wurde  als  Konjunktur  betrachtet,  und  ich  kann  das  Reich  von  dem  Vorwurf
nicht  freisprechen,  daß  durch  die  mangelhafte  Finanzgebarung  diesen  Strömungen  Vorschub
  geleistet  wurde.

Es  gab  damale  weite  Kreise,  die  es  anfangs  sogar  von  sich  wiesen,  so  unangemessen
bohe  Preise  zu  nehmen,  wie  sie  geboten  wurden.  Das  Eingreifen  des  Reichstags  kam  zu
spaät.  Als  neues  Moment  kom  damale  das  Hindenburg-Programm,  das  ich  militärisch
nicht  kritisieren  will.  Wirtschaftlich  betrachtet  war  es  aber  ein  Programm  der  Verzwelflung
und  hat  ungeheuren  Schaden  angerichtet.  Die  wüsteste  Hochkonjunktur  setzte  ein.  Es  kam
überhaupt  nicht  mehr  auf  die  Kosten  an.  Es  wurden  geradezu  Prämien  dafür  geboten,
die  Arbeiter  eines  Betricbes  nach  dem  anderen  auszumieten,  und  es  wurde  die  Organisation
  durch  das  wurzellose  System  ersetzt,  unter  dem  wir  jetzt  noch  leiden.  Der  dadurch
angerichtete  wirtschaftliche  und  moralische  Schaden  ist  ganz  ungebeuer.“

Was  Herr  Dr.  Schiffer  hier  zur  Kritik  des  Hindenburg-P
beibringt  —  das  an  anderer  Stelle  noch  zu  behandeln  sein  wird—  —,  trifft
natürlich  nicht  den  kriegstechnischen  Kern  dieses  Programms  wesentlich
gesteigerter  Munitions-  und  Materialbelieferung  des  Heeres,  die  unter
dem  Vorgänger  Hindenburgs  in  bedenklichster  Weise  hinter  den  Anstrengungen
  der  Gegner  zurückgeblieben  war,  sondern  lediglich  die  finanzielle
  Durchführung,  an  der  die  Umgestaltung  des  gleichfalls  an  anderer
Stelle  besprochenen  Hilfsdienstgesetzes  durch  den  Reichstag  beträchtliche
Mitschuld  trägt.  Wäre  rechtzeitig  darauf  hingewirkt  worden,  daß  die
Wehrpflicht  ihre  Ergänzung  fand  durch  die  Arbeitspflicht  der  nicht  zur
Front  Berufenen  in  der  beimischen  Kriegsindustrie,  dann  hätte  natürlich
die  deutsche  Kriegstechnik,  Kriegswirtschaft  und  Kriegsfinanzpolitik,  auf
ganz  anderen  Boden  gestellt  werden  können  und  wäre  eine  Fülle  schädlicher
Nebenwirkungen  des  Kriegesgewinnlertume  nicht  nur  der  Unternehmer
und  Händler,  sondern  auch  der  Munitionsarbeiter  vermieden  worden.
Die  Ara  Bethmann-Delbrück  bleibt  auch  in  dieser  Beziehung  ob  ihrer
verhältniemäßigen  Sorglosigkeit  und  ihres  mangelnden  Verständnisses
für  die  volle  Schwere  der  Kriegsaufgaben  gekennzeichnet.  An  dieser  für