246  Landwirtschaft  und  Volkeernäbrung.

kostspielige,  im  Notfall  aber  doch  gangbare  Weg  über  die  italienischen  und
österreichisch-ungarischen  Mittelmeerhäfen.  Hier  die  Einkreisung  zu  vollenden,
  ließ  König  Eduard  VII.  sich  durch  wiederholte  Mittelmeerreisen
und  Besuche  bei  Kaiser  Franz  Josef  in  Ischl  aufe  ernsteste  angelegen  sein.

Waren  die  Bemühungen  in  schl  völlig  vergebens,  so  gelang  cs
doch  in  Rom,  eine  Lockerung  des  Dreibundee  herbeizuführen,  von  der
man  sich  englischerseite  für  den  Kriegefall  allerlei  Früchte  versprechen
konnte.  Aber  auch  ohne  hier  ganz  zum  Ziele  zu  gelangen,  konnte  England
sich  in  der  Aussicht  trösten,  infolge  der  britischen  Herrschaft  über  die  NMittelicerzugänge
  die  ganze  Schiffahrt  aus  Übersee  nach  den  nördlichen
Nittelmeerhäfen  kontrollieren  und  nötigenfalls  indirekte  Bersorgungen
Deutschlands  verhindern  zu  können.

Ze  klarer  im  Laufe  der  Zeit  die  britische  Rechnung  wurde,  um  so
notwendiger  erschien  es,  die  Frage  der  deutschen  Nahrungemittelversorgung
  während  eines  Krieges  ernstlich  ins  Auge  zu  fassen.

In  der  Zeit  der  großen  britischen  Vorbereitungen  habe  ich  mir
wiederholt  in  mancherlei  Beröffentlichungen  angelegen  sein  lassen,
einerseite  die  NRotwendigkeit  wirtschaftlicher  Kriegsvorsorge  zu  betonen,
anderseite  aber  darzulegen,  daß  die  englische  Rechnung,  Deutschland  auszuhungern,
  durchaus  löcherig  wäre,  wenn  wir  nur  die  nötige  Boraus-In

  den  ersten  sieben  Monaten  dee  Jahres  1914  wies  das  große  Ausfuhrland  Rußland
eine  passive  Handelebilanz  aus,  die  merkwürdig  abstach  von  der  sonst  so  relchlich  aktiven
Bilanz.  Die  Erscheinung  erklärt  sich  nicht  etwa  aus  einer  Mißernte  oder  elnem  sonstigen
Versagen  der  Ausfuhr,  sondern  aus  einem  sehr  bezeichnenden  Steigen  der  Einfuhr.  Rußland
  führte  mit  fieberhaftem  Eifer  Krlegsmaterial  aller  Art  nicht  nur  von  seinen  Verdün--deten
  ein,  sondern  wußte  es  auch  von  Heutschland  zu  beziehen.  Von  einer  deutschen  Weltfirma
  auf  optischem  Geblete  war  mie  übrigene  schon  vor  dem  Kriege  bekannt  geworden,
daß  sie  die  deutsche  Regierung  auf  einen  Versuch  Rußlands  aufmerksam  gemacht  hatte,
in  auffallend  gewaltigen  Mengen  für  Kriegführungezwecke  geelgnetes  optisches  Material
aue  Deutschland  zu  bezieben.  Die  bieber  nicht  veröffentlichte  russische  Einfuhrstatistlk  der
ersten  sieben  Monate  des  Jahres  1914  läßt  nach  den  mir  jetzt  gewordenen  Mitteilungen
klarer  ale  die  deutsche  Auefubestatistik  erkennen,  in  welchem  Umfange  das  Getreideauefuhrland,
  als  das  Rußland  sonst  stets  anzusprechen  war,  kriegewichtige  Erntebestandteile  aue
Deutschland  an  sich  zog,  vornehmlich,  um  in  dem  russischerseite  wohlvorberciteten  Feldzug
den  Pferden  der  deutschen  Kavallerie  dle  Haferrationen  nach  Mäöglichkeit  zu  schmälern.

Bei  der  Einschaltung  dieses  Rückblickes  auf  die  felndlichen  Kriegsvorbereitungen  sei
ferner  noch  erwähnt,  daß  in  England  die  finanzielle  Belastung  durch  die  von  Lloyd  George
in  Angriff  genommene  Sozialpolitik  1914  für  die  Industrie  des  Landes  in  bedrohlichste
Nähe  gerückt  war.  Die  englischen  Industriellen  waren  der  Ansicht,  daß  sie,  sobald  diese
Lasten  im  vollen  Umfange  getragen  werden  müßten,  endgültig  ihre  Wettbewerbefählgkei#t
gegenüber  der  deutschen  Industrie  einbüßen  würden.  Auch  diese  ihnen  drobende  Aussicht
wird  man  im  Rahmen  jener  Faktoren  in  Betracht  ziehen  müssen,  die  England  bestimmten,
die  Politik  einer  gewaltsomen  und  gründlichen  Unterdrückung  der  deutschen  Konkurrenz
zu  unternehmen.