Voraussicht  und  Anpassungefäblgkeit.  247

sicht  und  Anpassungsfähigkeit  obwalten  ließen.  Im  Zusammenhang
stellte  ich  dieses  Problem  insbesondere  auf  in  meiner  im  Jahre  1910  in
Conrads  „Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik“  erschienenen
Abbandlung  „Oeutschlands  wirtschaftliche  Zukunft  in  Krieg  und  Frieden“,
in  deren  Einleitung  ich  sagte:

„Ob  wir  im  Kriegsfalle  in  der  Lage  sein  werden,  aus  dem  eigenen
Lande  wenigstene  den  unentbehrlichsten  Nahrungemittelbedarf  zu  decken,
ob  sich  auch  bei  Abschneidung  unserer  Häfen  und  der  meisten  Grenzen
Reservewege  finden  werden,  auf  denen  wir  unentbehrliche  industrielle
Rohstoffe  zu  beziehen  vermögen,  ob  wir  bei  großem  Kriegebedarf  an
CTransportmitteln  den  binnenländischen  Berkehr  hinlänglich  aufrechterhalten
  können,  —  das  alles  sind  wiederum  Fragen,  die  in  Friedenszeiten
voraussschauender  Untersuchung  und  möglichst  klarer  Beantwortung
bedürfen!“

Über  die  wirtschaftlichen  Kriegsgründe  und  Kriegsabsichten  war
dort  weiterhin  gesagt:

„Ze  mehr  die  rein  polltischen  Ursachen  zurücktreten,  die  zwischen  den  großen  Nationen
Kriegestimmung  erzeugen  können,  und  ersetzt  werden  durch  wirtschaftepoliltische  Ursachen,
durch  weltwirtschaftlichen  Futterneld,  um  so  wichtiger  wird  die  Untersuchung  vorauesichtlicher
  wirtschaftlicher  Folgen  eines  großen  Zukunftekrieges.  Speziell  für  ein  so  volkreichee
Land  wie  Deutschland  ist  diese  Frage  von  hervorragender  Bedeutung,  und  sie  ist  es  um  so
mehr,  als  die  politischen  Treibereien  gegen  Deutschland  ganz  wesentlich  verursacht  sind
durch  die  Mißgunst  der  Konkurrenten  gegenüber  dem  rapiden  wirtschaftlichen  Aufschwung
Deutschlands.

Ee  ist  zu  sehr  im  menschlichen  Charakter  begründet,  daß  man  uns  diesen  rapiden  Aufschwung
  neidet  und  sich  dadurch  selbst  beeinträchtigt  füblt,  obwohl  man  doch  auf  der  anderen
Seite  auch  erwägen  sollte,  daß  unsere  Konkurrenten  selbst,  die  doch  zugleich  in  erheblichem
Maße  auch  unsere  Lieferanten  sind,  großes  positives  Interesse  nehmen  müssen  an  der  so
rasch  und  bedeutend  stelgenden  Konsumkraft  einer  um  fast  eine  Million  Köpfe  im  Jahre
steigenden  Kulturnation.

Immerhin  —  wir  müssen  mit  den  Auffassungen  und  Mißverständnissen  und  Kurzsichtigkeiten
  rechnen,  denen  wir  im  täglichen  Leben  begegnen,  und  müssen  une  gegenwärtig
halten,  daß  wirtschaftlicher  Neid  Kriege  zu  entfachen  vermag,  deren  Endziel  naturgemäß
die  wirtschaftliche  Lahmlegung  unseree  Reiches  und  Volkes  bilden  würde.  Wenn  wir  uns
diese  Tatsachen  vergegenwärtigen,  so  wird  aber  auch  klar,  daß  unseren  Konkurrenten,
unseren  Neidern  und  möglichen  Gegnern  die  Kriegelust  um  so  mehr  genommen  wird,
je  besser  wir  ihnen  zum  Bewußtsein  zu  bringen  vermögen,  daß  wir  auch  durch  einen  langwierigen
  und  nach  verschledenen  Seiten  bin  zu  führenden  Krleg  nicht  so  leicht  in  unserer
volkeowirtschaftlichen  Position  zu  erschüttern  sind.“

Diesen  Nachweis  zu  führen,  lag  mir  damals  besonders  am  Herzen
und  war  auch  der  Leitgedanke  aller  weiteren  Arbeiten,  die  ich  über  dieses
Thema  veröffentlichte  —  eben  in  der  Absicht,  dem  Gegner  die  Kriegelust
zu  nehmen,  das  eigene  Vertrauen  aber  zu  stärken.

Über  den  Aushungerungsgedanken  und  die  Möglichkeit  seiner  Abwehr

  führte  ich  in  jener  Abhandlung  u.  a.  aus: