250  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

Es  ist  überraschend,  daß  diese  doch  so  nahe  liegenden  Gedanken  nicht
nur  vor  Kriegsausbruch  keine  praktische  Wirkung  gezeitigt  haben,  sondern
selbst  nach  Kriegsbeginn  nur  recht  langsam  sich  durchzusetzen  vermochten.
An  maßgebenden  behärdlichen  Stellen  herrschte  die  Besorgnis  vor,  daß
man  durch  Maßnahmen  wirtschaftlicher  Kriegsvorsorge  Beunruhigung
ins  Wirtschafteleben  und  in  die  öffentliche  Meinung  des  In-  und  Auslandes
  tragen  könnte.  Wesentlich  wohl  aus  diesem  Grunde  verhielt  man
sich  vor  dem  Kriege  Borschlägen  der  angedeuteten  Art  gegenüber  ablehnend,
  und  auch  nach  Kriegsbeginn  gewann  einstweilen  die  Meinung
die  Oberhand,  daß  so  tief  einschneidende  Maßregeln,  wie  etwa  die  Beschlagnahme
  aller  Getreidebestände  oder  gar  die  Einführung  von  Brotkarten,
  im  Bolke  eine  bedenkliche  Beunruhigung  hervorrufen  würden.

Meines  Erachtens  kann  wohl  im  Gegenteil  wiederholt  werden:
Wenn  in  der  ersten  Mobilmachungswoche  aus  den  Aktenschränken  aller
Landräte  und  Bürgermeister  die  Erhebungsformulare  hinausgeflattert
wären  ins  Land,  um  nach  denkbar  kürzester  Frist  auf  Grund  der  gewonnenen
Ergebnisse  das  ihnen  angepaßte  Brotkartenspstem  durchzuführen,  so  wäre
die  Wirkung  nur  die  gewesen,  daß  im  Inlande  die  nicht  Kriegführenden
in  beller  Begeisterung  das  kleine  Opfer  auf  sich  genommen  —  erfreut,
auch  für  ihr  Teil  am  Gelingen  des  Krieges  mitwirken  zu  können,  im  Auslande
  aber  durch  sofortige  Zerstreuung  aller  auf  den  Auehungerungeplan
gesetzten  Hoffnungen  eine  die  Kriegebegeisterung  beeinträchtigende  Enttäuschung
  und  Depression  entstanden  wäre.

Als  Ende  Mai  1914  der  Wirtschaftliche  Ausschuß  zusammentrat  und
auf  seiner  Tagesordnung  auch  das  Thema  der  „Wirtschaftlichen  Kriegsvorsorge“
  fand,  faßte  er  die  bereits  mehrfach  angezogene  Entschließung,
die  sich  der  Aufgabe  gegenüber,  praktisch  betrachtet,  ablehnend  verhielt.
Die  Einzelheiten  der  BVerhandlungen  des  Wirtschaftlichen  Ausschusses
tragen  vertraulichen  Charakter.  Aus  einer  Denkschrift  über  die  Tätigkeit
des  Bundee  der  Landwirte  während  der  Kriegszeit  ist  jedoch  ersichtlich,
daß  damals  einer  der  Vorsitzenden  des  Bundes  der  Landwirte,  der  Reichstagsabgcordnete
  Freiherr  v.  Wangenheim,  im  Wirtschaftlichen  Ausschuß
als  einziges  Mittel  zur  Sicherung  der  Ernährung  während  des  Krieges
und  Vorbereitung  der  wirtschaftlichen  Mobilmachung  die  Einrichtung
eincs  umfassenden  Magazinsystems  zur  Aufstapelung  von  Getreide
eipfohlen  hatte.  Wie  die  Denkschrift  berichtet,  fand  Freiherr  v.  Wangenheim
  hierin  die  einhellige  Zustimmung  der  Versammlung.  Die  Magazine
  waren  indessen  noch  nicht  vorhanden  und  sind  auch  bie  Kriegsbeginn
nicht  geschaffen  worden.

Als  im  August  1914  die  Frage  umfassender  Getreideaufkäufe  durch
das  Reich  akut  geworden,  mußte  demgemäß  in  Aussicht  genommen  werden,