262  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

Auch  die  Ziegen,  deren  Bestand  1915  um  75603  Stück  oder  3,50  %
gewachsen  war,  zeigen  eine  —  wenn  auch  nur  geringe  —  Verminderung
ihrer  Zahl;  im  ganzen  um  29  913  Stück  oder  1,57  %,  in  den  Städten
um  1235  Stück  oder  0,38%,  in  den  Landgemeinden  um  25691  Stück
oder  1,48  %  in  den  Gutebezirken  um  2969  Stück  oder  2,77%.

Auch  die  Belieferung  der  Bevölkerung  mit  Fleisch  und  tierischen
Fetten  mußte  der  Nationicrung  unterzogen  werden,  wobei  insbesondere
die  Fettbelieferung  nur  die  Verteilung  winziger  Wochenrationen  gestattete.
Um  sic  einigermaßen  zu  ersetzen,  wurde  der  Versuch  gemacht,  aus  ##bfällen
  jeder  Art,  sowohl  Küchenabfällen  wie  aus  tierischen  Kadavern,
Speisefett  zu  gewinnen;  auch  die  Gewinnung  von  Dflanzenfett  aus  allen
erschließbaren  Quellen,  d.  h.  nicht  nur  aus  vermehrtem  Anbau  von  Olfrüchten,
  sondern  beispielsweise  auch  aus  Obstkernen,  Bucheckern  usw.
wurde  bei  immer  längerem  Andauern  des  Krieges  und  immer  empfindlicher
  werdendem  Fettmangel  lebhaft  betrieben.  Die  geringen  Mengen
an  Fleisch,  die  auf  die  Wochenration  der  städtischen  Bevölkerung  entfielen,
wurden  um  so  drückender  empfunden,  als  sich  in  Deutschland  während  der
letzten  Jahrzehnte  der  Fleischgenuß  ganz  außerordentlich  gesteigert  hatte
und  in  ganz  beträchtlichem  Maße  zur  Lebensgewohnheit  der  Bevölkerung
geworden  war.

Während  das  Fleisch  des  Großviehs  und  der  Schweine  rationiert
und  auch  für  Wild  das  Höchstpreissystem  durchgeführt  wurde,  blieben
die  Fleischerzeugnisse  der  Kleintierzucht  „markenfrei“  und  frei  von  Höchstpreisen,
  was  auf  die  Kleintierzucht  außerordentlich  belebend  wirkte.  So
entwickelte  sich  beispielöweise  eine  sehr  ausgedehnte  Wurstfabrikation  aus
Ziegenfleisch  und  eine  lebhafte  Kaninchenzucht.  Die  Geflügelpreise
erklommen  bei  der  Knappheit  an  Geflügel  in  Deutschland  und  bei  dem
Mangel  an  gutem  Geflügelfutter  exorbitante  Höhen,  zumal  das  Geflügel
das  einzige  Luxuefleisch  bildete,  dessen  Bezug  nur  von  der  Kaufkraft  der
Konsumenten  abhing.

Es  sei  gleich  hier  anschließend  erwähnt,  daß  auch  der  Ersatz  für  Fleisch
auf  dem  Wege  der  Fischversorgung  während  des  Kriegee  sehr  zu  wünschen
übrig  ließ.  Als  Massennahrungemittel  kommt  insbesondere  der  Seefisch
in  Betracht.  Nun  war  gleich  zu  Kriegsbeginn  der  größte  Teil  der  deutschen
Fischdampfer  in  den  Dienst  der  Marine  gestellt  und  die  wenigen  verbliebenen
  Fahrzeuge  konnten  nicht  mehr  die  günstigen  Fanggebiete  in  der
Nordsee  aufsuchen,  sondern  sahen  sich  hier  auf  einen  verhältnismäßig
schmalen  Küstenstreifen  beschränkt.  Bis  Herbst  1916  konnte  die  Einschränkung
  des  heimischen  Fanges  noch  durch  Zufuhr  aus  dem  Auslande
ausgeglichen  werden.  Mehr  und  mehr  aber  zwang  England  die  neutralen
Nordseemächte  zur  Einschränkung  der  Ausfuhr  nach  Deutschland.  So