264  Landwirtschaft  und  Voltsernahrung.

England  einen  großen  Gefallen  getan  zu  haben.  England,  das  außerordentlich
  viel  Zucker  konsumiert,  —  der  englische  Soldat  will  sein  reichliches
  Maß  Marmelade  zum  ersten  Frühstück  haben!  —  war  in  großem
Umfange  auf  den  Bezug  deutschen  Zuckers  angewiesen  und  sah,  ale  dieser
ausblieb,  die  Zuckerpreise  empfindlich  emporschnellen.  Trotz  des  strengen
Verbots,  mit  dem  feindlichen  Auslande  zu  handeln,  hätte  es  bereitwilligst
deutschen  Zucker  ausgenommen;  durch  dessen  Lieferung  aber  die  englische
Volkewirtschaft  während  des  Krieges  zu  unterstützen,  konnte  natürlich
nicht  im  Interesse  der  deutschen  Kriegführung  liegen,  so  daß  alsbald  wieder
eine  strengere  Handhabung  des  Zuckerausfuhrverbotes  Platz  greifen  mußte.

Dieser  Gegenstand  kann  nicht  berührt  werden,  ohne  darauf  binzuweisen,
  daß  wir  in  Zukunft  weit  mehr  als  bisher  auf  Hebung  des  Zuckerkonsums
  im  eigenen  Lande,  namentlich  auch  durch  industrielle  Berwendung,
  bedacht  sein  sollten.  Es  ist  unlogisch,  durch  hohe  Zuckersteuer  den
Preis  des  Produktes  im  eigenen  Lande  höher  zu  stellen  als  im  Auslande,
und  auf  diese  Weise  z.  B.  in  England  dic  schon  erwähnte  Marmeladeindustrie
  zu  hoher  Blüte  zu  führen,  die  in  Deutschland  nur  in  recht  beschränktem
  Maße  aufkommt  und  vielfach  ersetzt  wird  durch  Einfuhr  aus
England.

Um  nun  nach  Inkrafttreten  des  Zuckerausfuhrverbotcs  die  deutsche
Zuckerindustrie  vor  einem  Preissturz  zu  bewahren,  wurde  durch  Bundesrateverordnung
  vom  31.  August  1914  die  Uberführung  der  vorhandenen
Zuckerbestände  auf  den  Freimarkt  kontingentiert,  gleichzeitig  auch  die
Zuckergewinnung  auf  Grund  der  neuen  Ernte  in  bestimmte  Grenzen
verwiesen.  Der  preußische  Landwirtschafteminister  erließ  am  15.  JZanuar
1915  ein  Rundschreiben  über  die  Verfütterung  von  Zuckerrüben  und  von
Zucker,  in  dem  eine  Reihe  eingehender  Angaben  über  die  zweckmäßige
BVerwendung  dieses  wertvollen  Hilfemittels  für  Futterzwecke  gegeben
wurde.  Einleitend  wurden  darin  folgende  Angaben  gemacht:

„Durch  ausgiebige  Verwendung  der  Melasse  wird  sich  ein  Zehntel  der  fehlenden
Futtereinfuhr  decken  lassen.  Die  vermehrte  Herstellung  von  Trockenschnitzeln  aus  ganz,
teilweise  oder  gar  nicht  entzuckerten  Rüben  wird  ebenfalle  zur  Deckung  des  Bedarfe  beitragen.

Aber  auch  die  frische  Zuckerrübe  läßt  sich  unter  Beachtung  der  bierüber  vorliegenden
Erfahrungen  mit  bestem  Erfolge  als  Futter  verwenden,  auch  kommt  die  Zuckerrübe  für
die  Herstellung  von  Spiritus  in  Betracht,  wodurch  sich  ein  entsprechender  Teil  der  sonst  bierzu
verbrauchten  Kartoffeln  ersparen  läßt.  Schließlich  bildet  der  Zucker  selbst,  wie  in  der  letzten
Zeit  in  der  Fachliteratur  überzeugend  nachgewiesen  wurde,  richtig  verwendet,  ein  auegezeichnetes
  Nahrungsmittel  nicht  nur  für  Menschen,  sondern  auch  für  das  Vieh.

üÜber  die  verfügbaren  Bestände  an  Zucker  gibt  folgende  Aufstellung  Aufschluß:

Tonnen
Vorräte  bei  Beginn  der  dieejährigen  Rübenverarbeitung  450  000
Erzeugung  aus  der  1914er  Ernteeee  2  500  000

Summa  2  950  ooo