266  Landwirtschaft  und  Volksernäbrung.

die  frühere  deutsche  Zuckerausfuhr  ausglich.  Eine  Bedarfssteigerung
hatte  sich  anfangs,  in  diesem  Falle  aber  nur  dem  vorhandenen  Überangebot
ARcchnung  tragend,  aus  der  Verfütterung  des  Zuckers  und  fernerhin  aus
der  Verfütterung  der  Zuckerrüben  ergeben.  Einc  weitere  Bedarfssteigerung
  ergab  sich  sodann  infolge  des  Fettmangels,  der  rege  Nachfrage  nach
einem  Ersatz  an  Brotaufstrich  zeitigte  und  zur  Verwendung  ungebeurer
Mengen  von  Marmelade  führte,  für  die  entsprechende  Zuckermengen
benötigt  wurden.  Es  sei  gleich  hier  eingeschaltet,  daß  dieser  Marmeladebedarf
  auch  die  Bewirtschaftung  des  Obstes  nach  sich  zog,  die  bei  dieser
leicht  verderblichen  Frucht  oft  große  Schäden  und  Berluste  zeitigte.

Die  eigentliche  Ursache  des  Zuckermangels  aber  kam  nicht  vom  hauswirtschaftlichen
  Bedarfe  her,  sondern  vom  kriegewirtschaftlichen.  Die
schon  vor  dem  Kriege  gemachte  Entdeckung,  daß  bei  der  Gärung  des
Zuckers  Glyzerin  gebildet  wird,  wurde  im  Verlauf  des  Krieges  in  den
Dienst  der  Glyzerinproduktion  im  großen  gestellt.  Schon  bei  Kriegesbeginn
war  das  verfügbare  Elpzerin  als  Wärmehalter  in  den  Feldküchen  benötigt
  und  der  Wirtschaft  entzogen  worden.  Im  Frieden  batte  man
Elpzerin  als  Nebenprodukt  bei  der  Seifenerzeugung  aus  Fett  gewonnen.
Bei  dem  katastrophalen  Hinschwinden  unserer  Fettvorräte  war  weder
an  Seifenproduktion  überhaupt,  noch  an  Gewinnung  von  Glgyzerin
aus  Fett  zu  denken.  Da  aber  Elyzerin  das  Ausgangsmaterial  für  einen
der  wichtigsten  Sprengstoffe  bildet,  so  mußte  nun  die  Möglichkeit  seiner
Gewinnung  aus  Zucker  in  großem  Maßstabe  genutzt  werden.  Hierdurch
kam  es  dazu,  daß  Deutschland,  ein  früher  so  großes  Zuckerauefuhrland,
in  einer  Zeit,  in  der  ihm  diese  Ausfuhr  nicht  möglich  war,  wider  alle  wirtschaftliche
  Vorausberechnung  der  Zuckerknappheit  verfiel.  —

Aur  mit  wenigen  Worten  sei  der  vom  deutschen  Boden  gewonnenen
Genußmittel  gedacht.  Was  namentlich  die  in  Deutschland  so  reichlich
konsumierten  alkoholischen  Getränke  anbetrifft,  so  zwang  die  Notwendigkeit
  der  möglichst  restlosen  Verwendung  von  Gerste  für  Nahrungemittelzwecke
  zu  einer  großen  Einschränkung  der  Abgabe  von  Gerste  an  die
Brauereien.  So  mußte  auch  das  Bier  „gestreckt“"  werden,  und  zwar  in
so  reichlich  zunehmendem  Maße,  daß  wenigstens  in  Norddeutschland
dem  sogenannten  Einheite-  oder  Einfachbier  der  Charakter  des  „Genußmittele“
  immer  vollständiger  abhanden  kam.

Unter  der  Einwirkung  dieser  Bierverschlechterung  und  unter  der
gleichzeitigen  Einwirkung  der  großen  Geldflüssigkeit,  der  reichlichen
Kriegesgewinne  und  der  hohen  Löhne  gingen  immer  größere  Massen  der
Biertrinker  in  das  Lager  der  Weintrinker  über.  Ihr  Bedarf  konnte  bei
Einschränkung  der  Weineinfuhr,  abgesehen  von  österreichischen  und
ungarischen  Weinen,  nur  durch  den  deutschen  Weinbau  gedeckt  werden.