Genußmittel.  267

Dae  wiederum  führte  zu  einer  beispiellosen  Steigerung  der  Weinpreise,
zumal  der  reichlich  eingedeckte  Bedarf  des  Heeres  und  der  Lazarette
einen  sehr  bedeutenden  Teil  der  Weinernte  vorwegnahm  und  für  den
Privatbedarf  nur  beschränkte  Bestände  übrig  ließ.  Von  der  Steigerung
der  Weinpreise  kann  man  sich  einen  Begriff  machen,  wenn  man  liest,
daß  der  Wert  des  im  Zahre  1914  gewonnenen  Weinmostes  sich  auf
42  Millionen  Mark,  jener  des  Zahres  1917  aber  auf  647  Millionen  belief.

Wie  schwer  der  Mangel  eines  anderen  Genußmittels,  des  Tabake,
empfunden  wurde,  ist  jedem  Naucher  nicht  nur  aus  der  Kriegszeit  in
frischer  Erinnerung,  sondern  bleibt  ihm  dauernd  gegenwärtig.  Wie  im
Weinkonsum,  so  war  auch  im  Tabakkonsum  der  Anreiz  zur  Verbrauchs--steigerung
  während  des  Krieges  sehr  groß;  ist  doch  im  Felde  der  Tabakgenuß
  das  einzige  Mittel  zur  Nervenberuhigung,  zum  Hinwegtäuschen
über  den  Hunger  und  zur  Ausfüllung  mancher  Stunde  erzwungener
Untätigkeit.  Wer,  vom  Proviantnachschub  im  Felde  abgeschnitten,  längere
Zeit  den  Tabak  entbehrt  hat,  der  wurde  in  der  Regel  nachher  zu  einem
um  so  eifrigeren  Raucher.  Nach  allen  Beobachtungen  wird  man  jedenfalls
  auch  sagen  können,  daß  die  Zahl  der  Nichtraucher  draußen  im  Frontdienst
  wesentlich  zusammengeschrumoft  ist.  Dieser  starken  Nachfrage  nach
Tabak  stand  eine  nur  ganz  unzulängliche  Befriedigung  durch  die  spärlichen
  heimischen  Tabakerzeugnisse  gegenüber.  Verhältniemäßig  lange
hatten  allerdings  die  ausländischen  Vorräte  an  Tabak  gereicht,  schließlich
  aber  waren  sie  erschöpft,  und  nur  in  mäßigen  Mengen  kam
Zigarettentabak  aus  Bulgarien  berein,  während  es  an  Zufuhr  von
Zigarrentabak  fast  vollständig  mangelte.  In  dieser  Notlage  wurde  mit
allem  möglichen  Tabakersatz  experimentiert,  wobei  sich  namentlich  das
Buchenlaub  einer  zweifelhaften  Beliebtheit  erfrcute.

Überhaupt  kannte  die  Ersatzmittelwirtschaft  bei  Genuß=  wie  bei
Nahrungemitteln  kaum  eine  Grenze.  Die  Ersatzmittelabteilung  des
später  zu  besprechenden  Kriegsernährungsamtes  hatte  Tausende  von
angebotenen  Ersatzmitteln  zu  prüfen,  die  sich  über  alle  Gebiete  der  Nahrunge-
  und  Genußmittel  erstreckten.  Wieviel  ungenießbarer  Schund
den  Markt  bedrohen  wollte,  dafür  nur  zwei  Beispiele:  von  365  der  Ersatzmittelabteilung
  als  Backpulver  angemcldeten  Erzeugnissen  mußten  226
als  unzulässig  erklärt  werden,  von  90  Wursterfindungen  konnte  nur  bei
28  der  Inhalt  als  wurstähnlich  und  genießbar  festgestellt  werden,  wobei
die  Boraussetzungen  der  Genießbarkeit  immerhin  schon  möglichst  bescheiden
  bemessen  waren.  —

Wenden  wir  uns  nach  diesem  sachlichen  Überblick  über  die  verschiedenen
  Kategorien  der  Nahrungemittel  und  ihre  Bewirtschaftung  im
Kriege  zur  Fortsetzung  des  zeitlichen  ÜUberblicks  über  die  kriegswlrt-