268  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

schaftlichen  Maßnahmen  für  Landwirtschaft  und  Volksernährung,  so  haben
wir  nach  der  Periode  des  langsamen  Einfühlene  in  die  Kriegewirtschaft
Perioden  immer  schärferer  Spannung  zu  beobachten.

Der  Sommer  1915  brachte  uns  zwar  militärisch  ein  weiteres  Vorrücken
  an  der  Ostfront,  das  umfangreiche  Landgebiete  der  deutschen  Volksernährung
  neu  erschloß.  Allerdings  muß  berücksichtigt  werden,  daß  Polen
mit  seiner  verhältniemäßig  dichten  Bevölkerung  und  seinen  beträchtlichen
Industriegebieten  bei  technisch  niedrigem  Stand  der  Landwirtschaft  nicht
als  Gebiet  agrarischer  Überschußproduktion  in  Frage  kam  und  daß  in  den
dünner  bevölkerten  nördlichen  Gebietsteilen  Rußlande  die  Zivilbevölkerung
großenteils  vertrieben  war,  so  daß  es  an  den  nötigen  Arbeitskräften  für
ergiebige  Feldbestellung  mangelte.  Immerhin  versprach  dieser  ausgedehnte
  Landgewinn  günstige  Erfolge  für  die  weitere  Regelung  unserer
Ernährung  und  setzte  die  lange  Ostfront  in  die  Lage,  sich  aus  Eigenem
zu  verpflegen,  anstatt  der  Versorgung  durch  die  Heimat  zur  Last  zu  fallen.

Unsere  Fortschritte  im  Osten  aber  hatten  den  Leiter  des  Wirtschaftekrieges
  gegen  Deutschland  veranlaßt,  seine  Mittel  der  Hungerblockade
zu  wesentlich  verschärfter  Durchführung  zu  bringen.  Das  Zahr  1916
bedeutete  in  zwiefacher  Beziehung  einen  gefährlichen  Wendepunkt;
denn  nun  kam  einerseits  unsere  Abschneidung  von  ausländischer  Zufuhr
unter  dem  gewaltig  anwachsenden  Druck  Englands  auf  unsere  neutralen
Nachbarn  zur  vollen  Wirkung,  und  zweitens  brachte  das  Jahr  1916  einen
katastrophalen  Rückgang  der  Ernte,  insbesondere  an  Kartoffeln.  Die
Weizenernte,  die  sich  im  Zahre  1913  auf  4,4  Millionen  Tonnen  gestellt
hatte,  sank  1916  unter  3  Millionen  Tonnen.  Die  Kartoffelernte,  die  in
den  Jahren  1913  und  1915  rund  je  53  Millionen  Tonnen  betragen  hatte,
schrumpfte  im  Jahre  1916  auf  24,7  Millionen  Tonnen  zusammen.  Damit
war  unsere  Bolksernährung  in  bedrohlichster  Weise  betroffen  und  der
Zwang  geschaffen,  mit  allen  erdenklichen  Mitteln  eine  unzulängliche
Ersatzwirtschaft  zu  betreiben.  So  kam  der  unselige  Kohlrübenwinter
1916/17,  der  die  Widerstandskraft  des  deutschen  Volkes  auf  eine  harte
Probe  stellte,  und  der  besonders  im  verbündeten  Osterreich  eine  dicht
ans  Katastrophale  gehende  Wirkung  ausübte.  In  unserem  eigenen,  so
überaus  empfindlichen  Mangel  mußten  wir  von  unseren  kärglichen  Lebensmitteln
  noch  verhältniemäßig  nicht  unbeträchtliche  Mengen  an  Osterreich
  abgeben,  um  die  dürftige  Verpflegung  Wiens  mit  Hilfe  deutscher
Kohlrüben  einigermaßen  sicherzustellen.  Zur  selben  Zeit  freilich  konnte
man  in  Ungarn  unbegrenzt  wie  in  schönsten  Friedenszeiten  in  Lebensmitteln
  jeder  Art  schwelgen.

Von  dem  schweren  Schlag,  mit  dem  die  Mißernte  von  1916  unsere
Volksernährung  gerade  zu  der  Zeit  getroffen,  zu  der  die  englische  Blockade