280  Landulrischaft  und  Bollsernährung.

menschlich  begreiflichen  Gründen  war  diese  restlose  Erfassung  der  Vorräte
  ein  um  so  schwierigeres  Ding,  je  niedriger  die  Brotration  auch  für
die  Selbstversorger  bemessen  wurde  und  je  mehr  im  allgemeinen  der
Schleichhandel  aufblühte.

Für  die  Verteilung  der  Vorräte  wurde  seitens  der  Reichsgetreide--stelle
  nach  der  Erfahrung  der  ersten  Kriegsjahre  eine  Wirtschaftskarte
  aufgestellt.  Diese  Wirtschaftskarte  sollte  den  Kommunalverbänden
die  Grundlage  geben  für  die  Uberwachung  der  einzelnen  Betriebe  und
die  Abmessung  der  Ablieferungspflichten  derselben.  In  die  Wirtschaftskarte,
  die  für  jedes  einzelne  landwirtschaftliche  Unternehmen  geführt
werden  muß,  ist  einzutragen:  1.  die  Bodenfläche,  2.  das  vorhandene  Bieh,
3.  die  mit  Frucht  bebaute  Fläche,  4.  das  Ergebnis  der  Erntevorschätzung
und  der  Erntenachprüfung,  5.  das  zurückgehaltene  Saatgut,  6.  das  zurückgebhaltene
  Futtergetreide,  7.  die  Zahl  der  zum  Haushalt  gehörigen  Personen,
  8.  der  für  diese  Selbstversorger  zurückgehaltene  Bedarfeanteil,
9.  die  übrigbleibende  ablieferungspflichtige  Menge,  10.  der  Betrag  der
erfolgten  Ablieferung,  11.  die  für  die  Ernährung  und  Berfütterung
selbstoverbrauchten  Mengen,  12.  Ankäufe  und  Verkäufe  von  Saatgut.

Auf  Grund  dieser  Wirtschaftskarte  sollte  eine  genaue  Kontrolle  über
jeden  einzelnen  landwirtschaftlichen  Betrieb  geführt  werden,  indem  nach
Abrechnung  der  zuständigen  Rationen  für  den  Selbstverbraucher  und  für
die  Verfütterung  das  von  jedem  Landwirt  abzuliefernde  Getreidequantum
festgestellt  wurdde.  Die  Hoffnung,  durch  diese  Wirtschaftskarten  eine  wirklich
zuverlässige  Grundlage  zu  erlangen,  hat  sich  allerdings  nicht  bestätigt.
Im  Erntejahr  1917,  für  das  sie  eingeführt  war,  verzögerte  sich  ihre  Verteilung
  an  die  Betriebe  wegen  Papiermangels,  Kohlenmangels  usw.,
und  in  den  Betrieben  die  sachgemäße  Ausführung  dadurch,  daß  die  Wirtschaftsleiter
  vielfach  zum  Heeresdienst  eingezogen  waren.  Es  ergab  sich
daraus  schließlich  eine  unzutreffende  Schätzung  der  Vorräte,  die  zur  Folge
hatte,  daß  die  Lage  bezüglich  der  Versorgung  mit  Brotgetreide  zeitweise
recht  kritisch  wurde.

Die  Ergänzung  der  heimischen  Brotgetreidebestände  durch  Einfuhr
aus  dem  Auslande,  die  sich  mit  zunehmender  Dauer  des  Krieges  und
Verschärfung  der  englischen  Blockade  immer  schwieriger  und  knapper
gestaltete,  war  vereinigt  in  den  Händen  der  Zentral-Einkaufsgesellschaft,
  die  insbesondere  auch  die  entsprechenden  geschäftlichen  Bezichungen
  zu  unseren  Verbündeten  durchzuführen  hatte.  Ihre  Hauptaufgabe
  war  ursprünglich  die  Hereinschaffung  der  Getreidevorräte  aus
Rumänien  gewesen,  als  Rumänien  noch  nicht  in  den  Krieg  getreten  war
und  die  Entente  alles  daran  setzte,  die  Abgabe  rumänischen  Getreides  an
die  Mittelmächte  zu  verhindern.  Die  Zentral-Einkaufsgesellschaft  nimmt