Kritik  an  der  Volksernährung.  283

der  Grundbesitzer  rechts  der  Weichsel  kostbare  Vorräte  an  Getreide  und
Bieh  den  Russen  in  die  Hände  fallen  ließ.  Obwohl  die  zuständigen  militärischen
  Stellen  sich  entschlossen  hatten,  das  Gebiet  rechts  der  Weichsel
im  August  1914,  bevor  Hindenburg  die  Verteidigung  gegen  die  Russen
übernahm,  zu  räumen,  wurde  den  Landwirten  der  rechtzeitige  Abtransport
ihrer  Vorräte  über  die  Weichsel  von  seiten  der  Zivilbehörden  direkt  verboten!
  Um  die  Regierung  überhaupt  zu  veranlassen,  in  bezug  auf  die
Sicherstellung  der  Volksernährung  vorzugeben,  bedurfte  es  im  Herbst
1914  fortgesetzten  Drängens  von  seiten  der  landwirtschaftlichen  Vertretungekörper.
  Man  beschränkte  sich  aber  zunächst  auf  ein  schrittweises
und  keineswegs  planvolles  Vorgehen  und  konnte  keinen  anderen  leitenden
Gesichtspunkt  fassen,  als  den  einer  möglichst  gleichmäßigen  und
billigen  Versorgung  sämtlicher  Volksschichten  aus  den  vorhandenen
  Beständen.

Der  Gesamtpolitik  Bethmann  Hollwege  gemäß,  die  sich  stets  darin
erschöpfte,  sich  von  Rücksichten  auf  die  Sozialdemokratie  alten  Schlages
gängeln  zu  lassen,  anstatt  unter  den  besonderen  Kriegsverhältnissen  die
günstige  Gelegenheit  zu  geistiger  Umstellung  der  Sozialdemokratie  zu
benutzen,  beging  er  in  der  Politik  der  Volksernährung  die  gleichen  Kurzsichtigkeiten
  wie  in  der  äußeren  Kriegepolitik.  Der  Staatsmann,  der  da
glaubte,  die  deutschen  Massen  unter  keinen  anderen  Umständen  in  der
dußeren  Gegenwehr  zusammenhalten  zu  können,  ale  lediglich  unter  dem
Schlagwort  des  Kampfes  gegen  den  Zarismus,  und  der  schon  aus  diesem
Grunde  die  Deutschland  wirklich  tödlich  bedrohende  Feindschaft  Englands
niemale  klar  erkennen  oder  deutlich  betonen  konnte  und  wollte,  hat  entsprechend
  auch  die  innerwirtschaftlichen  Notwendigkeiten  nicht  zu  überblicken
  oder  nicht  richtig  zum  Ausdruck  zu  bringen  vermocht.  Sobald  man
die  englische  Feindschaft  richtig  bewertete  und  die  englische  Hungerblockade
  so  ernst  nahm,  wie  sie  unbedingt  genommen  sein  wollte,  mußte
man  selbstverständlich  mit  der  Möglichkeit  einer  langen  Kriegesdauer
und  mit  der  entsprechenden  Notwendigkeit  rechnen,  unsere  Volksernährung
für  geraume  Zeit  vom  eigenen  Boden  sicherzustellen.  Sobald  diese  Notwendigkeit
  und  dieses  Ziel  klar  erkannt  waren,  ließ  sich  natürlich  nicht
mehr  eine  Politik  treiben,  die  für  den  Augenblick  den  Massen  wohlgefällig
erscheinen  mochte,  da  sie  zu  billigen  Preisen  eine  gleiche  Ration  für  jedermann
  sicherstellte,  sondern  hätte  es  sich  als  notwendig  erwiesen,  auch  der
Masse  der  Konsumenten  klar  und  deutlich  vor  Augen  zu  rücken,  daß  ihre
eigenen  IZnteressen  nur  gewahrt  werden  konnten  bei  möglichst  weitgehender
  Belebung  der  Produktion,  auch  wenn  zu  diesem  Zweck  eine
Erhöhung  der  Preise  vorgenommen  werden  mußte.  Solche  Erziehung  der
Massen,  die  ihr  zu  keiner  Zeit  zugänglicher  gewesen  wären  als  während