284  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

der  ersten  Teile  des  Krieges,  lag  aber  der  Regierung  Bethmann  Hollweg
vollkommen  fern.  So  wurde  denn  das  unwahre  Schlagwort  geprägt,
ganz  Deutschland  gleiche  einer  belagerten  Festung  und  müsse  sich
mit  der  gleichmäßigen  Verteilung  der  vorhandenen  Vorräte  behelfen.
Dieses  Schlagwort  war  unwahr,  weil  wir  ja  doch  nicht  nur  mit  vorhandenen
  Vorräten  zu  rechnen  hatten,  sondern  auch  mit  der  fortdauernden
Produktion,  und  weil  es  demgemäß  galt,  nicht  nur  die  Bestände  zu  rationieren,
  sondern  auch  die  Produktion  zu  beleben.

In  der  Zeit,  in  der  unser  D-Bootkrieg  England  mit  der  Aussicht
bedrohte,  seinerseite  demnächst  einer  belagerten  Festung  zu  äbneln,  hat
England  angesichte  wachsender  Ernährungseschwierigkeiten  seinerseits  nicht
gezögert,  die  seit  Jahrhunderten  verkümmerte  Landwirtschaft  zu  neuer
Tätigkeit  anzuspornen,  und  es  ist  ihm  tatsächlich  gelungen,  trotz  der
Schwierigkeiten  der  Kriegsverhältnisse  seine  landwirtschaftliche  Erzeugung
um  ein  beträchtliches  zu  erhöhen,  während  gleichzeitig  die  landwirtschaftliche
  Erzeugung  in  Deutschland  an  Qualität  und  Quantität  bedeutend
  zurückging.  Wir  suchten  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
restlos  in  die  Hände  der  zwangewirtschaftlichen  Verwaltung  zu  bringen,
anstatt  durch  teilweise  Offenhaltung  des  freien  Handele  den
Produktionsreiz  zu  heben.  Wir  stellten  die  zwangsweise  Niedrighaltung
  der  Preise  in  den  Vordergrund,  anstatt  zu  bedenken,  daß  sie
einerseits  den  Produktionsreiz  verminderte,  anderseits  die  Ware,  die  man
ja  doch  zwangeweise  restlos  erheben  wollte,  in  die  Umwege  des  Schleichund
  Kettenhandels  trieb  und  vom  offenen  Markte  verdrängte.

Hatte  die  Regierung  sich  ursprünglich  nur  schwer  entschlossen,  die
Volksernährung  zu  rationieren,  so  ging  sie  später  auf  diesem  Gebiete  mit
immer  weiteren  Verallgemeinerungen  vor,  ohne  zu  berücksichtigen,  daß
die  verschiedenen  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  sich  nur  in  sehr  verschiedenem
  Grade  zur  zwangeweisen  Bewirtschaftung  eignen.  Daß  die
Bewirtschaftung  des  Brotgetreides  an  die  Spitze  gestellt  war  und  dauernd
an  erster  Stelle  blieb,  war  gut  und  recht,  und  diese  notwendigste  Zwangswirtschaft
  hat  sich  verhältnismäßig  auch  am  besten  bewährt.  Aber  es
war  verfehlt,  zu  Beginn  mit  einer  isolierten  Preiebemessung  für  das
Brotgetreide  vorzugehen,  anstatt  nach  wohlerwogenen  Grundsätzen  bestimmte
  Preisbeziehungen  pderzustellen  zwischen  pflanzlichen  Nahrungemitteln,
  Futtermitteln  und  tierischen  Nahrungemitteln.  Niedrige
Höchstpreise  für  das  Brotgetreide  bei  freiem  Handel  für  Futtermittel
und  Bieh  verführen  zur  BVerwendung  von  ursprünglich  zur  menschlichen
Ernährung  bestimmtem  Getreide  für  Futterzwecke.  Darüber  halfen  auch
Verbote  der  Getreideverfütterung  selbstverständlich  nicht  hinweg.

An  Verboten  ist  auf  dem  Gebiete  der  Volksernährung  im  Laufe  des