Ubermaß  an  Verboten.  285

Krieges  ja  mehr  als  das  Menschenmögliche  geleistet  worden.  Dieses
Übermaß  der  Bevormundung  aber  erreichte  in  letzter  Wirkung
doch  nur  eine  ungeheure  Demoralisation,  eine  von  Tag  zu  Tag
zunehmende  Förderung  der  Nichtochtung  des  Gesetzes,  eine  wachsende
Skrupellosigkeit  gegenüber  den  verbotenen  Wegen  des  Schleich-,  Kettenund
  Wucherhandels,  und  demgemäß  eine  immer  geringere  Wirksamkeit
der  bestehenden  Vorschriften  für  die  Sicherstellung  der  Volkeernährung.

Nachdem  die  Regierung  ursprünglich,  indem  sie  nur  für  Brotgetreide,
nicht  aber  für  Futtermittel  Höchstpreise  festsetzte  und  obendrein  ein  Schlachtverbot
  für  Kälber  von  geringem  Gewicht  erließ,  die  Berfügbarmachung
von  Brotgetreide  für  die  Volksernährung  zugunsten  der  Vermehrung
des  Biehstandes  gefährdet  hatte,  ging  sie  später  mit  wiederholt  sehr
scharfen  Eingriffen  in  Biehstand  und  Viehzucht  vor,  ohne  jemale  zu  einem
planvollen  Ausgleich  zwischen  pflanzlicher  und  tierischer  Nahrung  gelangen
  zu  können.  Hätte  man  sich  rechtzeitig  vergegenwärtigt,  wie  gefährlich
die  schließlich  eingetretene  kolossale  Berminderung  der  Milchlieferung
auf  den  Nachwuche  wirken  mußte,  und  hätte  man  sich  einigermaßen  die
pspchologischen  Wirkungen  gerade  des  Fettmangels  vergegenwärtigt,
so  hätte  man  doch  wohl  nach  Mitteln  und  Wegen  gesucht,  mit  den
Beständen  sowohl  an  Milchkühen  wie  an  Schweinen  etwas  schonsamer
  umgehen  zu  können.  Ee  ist  nicht  damit  getan,  daß  man  rein  schematisch
  für  die  menschliche  Ernährung  notwendige  Kalorienmengen  berechnet,
  sondern  man  muß  neben  den  phypsiologischen  auch  den  psychologischen
  Wirkungen  der  Zusammensetzung  der  Nahrung  Rechnung  tragen.
Und  nach  allen  Beobachtungen,  die  man  in  den  Zeiten  fortgeschrittener
Schwierigkeiten  der  Volksernährung  in  Deutschland,  auch  im  Vergleich
mit  anderen  Kriegsgebieten,  machen  konnte,  dürfte  ale  sicher  zu  betrachten
sein,  daß  die  Volksstimmung  in  Deutschland  durch  keine  der  Ernährungeschwierigkeiten
  so  stark  in  ungünstigem  Sinne  beeinflußt  ist,  wie  gerade
durch  den  Fettmangel.  Die  Ernährungepolitik  aber  hat  diesem  Umstande
in  keinem  Stadium  Rechnung  getragen,  sondern  hat  sich  von  Theorien
beeinflussen  lassen,  die  an  solchen  Erscheinungen  phpsio-psychologischer
Natur  achtloe  vorübergingen.

Die  allgemeine  Kritik  der  Ernährungspolitik  während  des  Krieges
kam  von  zwei  ganz  verschiedenen  Seiten  her  mit  der  Länge  der  Zeit  in
immer  größerer  Ubereinstimmung  zur  Forderung  verhältnismäßig  weitgehender
  Wiedereinsetzung  des  freien  Handele  in  seine  normalen
Rechte;  und  zwar  stellte  sich  die  Übereinstimmung  nach  dieser  Aichtung
heraus  zwischen  den  landwirtschaftlichen  und  den  kaufmännischen  Kreisen.
Auf  der  anderen  Seite  standen  die  nicht  kaufmännischen  großstädtischen
Konsumentenkreise,  die  teilweise  die  äußerste  Durchführung  der  Zwange-