286  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

wirtschaft,  d.  h.  die  wirklich  restlose  Erfassung  aller  und  jeder  erdenklichen
Exzeugnisse  für  die  Zwecke  gleichmäßig  rationierter  Verteilung  forderten.
Zn  bezug  auf  dae  Verlangen  nach  freier  Gestaltung  des  Ernährungesosteme
  aus  jenen  landwirtschaftlichen  Kreisen,  die  ihrerseits  von  Anfang
an  die  Regierung  gedrängt  hatten,  den  Auoschreitungen  der  Kriegespekulation
  im  Interesse  der  Volksernährung  durch  vorsorgende  Maßregeln
  zu  begegnen,  darf  besonderes  Interesse  beanspruchen  der  im  Mai
1918  im  Hauptausschuß  des  Reichstages  eingebrachte  Antrag  des  Abgeordneten
  Dr.  Roesicke,  des  Führers  des  Bundes  der  Landwirte.  Der
Antrag  mag  hier  im  vollen  Umfange  folgen:
I.

Die  Auesprache  im  Ausschuß  hat  ergeben,  daß  eine  größere  Anzahl  von  Parteien
sich  der  Überzeugung  nicht  mehr  verschließt,  daß  das  gegenwärtige  Spstem  der  Volkeversorgung,
  für  dessen  Einführung  im  Anfang  des  Krieges  gute  Gründe  polltischer  und  psochologischer
  Natur  bestanden  haben,  nunmehr  nicht  weiter  fortgesetzt  werden  kann
und  darf.  Ee  ist  an  der  Zeit,  gewisse  Abänderungen  daran  vorzunehmen.  Will  man  den
richtigen  Weg  zur  Abänderung  finden,  so  muß  man  die  Lehre  aus  den  wirklichen  Vorgängen
und  Verhältnissen  entnehmen.  Die  Negierung  sucht  gegenwärtig  durch  Beschlagnahme
eine  möglichst  große  Quantität  Brotgetreide  für  die  verbrauchende  Bevölkerung  sicherzustellen.
  Diese  Maßnahme  hat  die  Absicht,  den  Bedarf  der  verbrauchenden  Berölkerung
zu  gewährleisten.  Daneben  hat  sich  ein  ansehnlicher  Schleichhandel  entwickelt.  Den  großen
Schleichhandel  sucht  man  durch  strenge  Strafen  zu  verhindern.  Dem  kleinen  Schleichhandel
aber  wird  mehr  oder  weniger  Duldung  gewährt.  Dadurch  entwickelt  sich  ein  Markt  illegltimer
Act,  und  sehr  hohe  im  Verborgenen  geforderte  und  gezahlte  Marktpreise  sind  die  Folge.

Aus  diesen  Vorgängen  ist  der  Schluß  zu  ziehen,  daß  es  gut  getan  ist,  dlesen  Handel
legitim  zu  machen.  Dann  wird  man  erleben,  daß  diese  hohen  Preise  sinken  werden.
Es  gilt,  eine  feste  Grenze  zu  setzen  zwischen  den  Nahrungemitteln,  die  beschlagnahmt  werden
bebufe  Sicherstellung,  und  denjenigen  Nahrungemitteln,  welche  dem  freien  Markt  überwlesen
  werden.

Hieraus  folgt  der  nachstehende  Antrag:

1.  Das  Reich  soll  nur  (x)  Millionen  Tonnen  Getreide  beschlagnahmen  und
durch  Brotkarten  nur  diejenigen  Teile  der  Bevölkerung  damit  versorgen,  die  mit
diesem  Quantum  täglich  mit  x  Gramm  Brot  bei  Streckung  des  Brotes  in  der  bleberigen
  üblichen  Form  versorgt  werden  können,  und  zwar  zu  einem  dem  bleberigen
Preise  entsprechenden  Preise.  Versorgt  wird  zunächst  die  Bevölkerung  mit  dem
niedrigsten  Einkommen.  Das  übrige  Brotgetreide  ist  völlig  frelzugeben.

II.

Eine  zweite  Erfahrung,  aus  der  wir  gute  Lehren  zieben  müssen,  sind  die  Vorgänge
auf  dem  Gebiete  der  Kartoffelversorgung.  Im  Zahre  1916  wurden  Lieferungsver--trdge
  auf  ein  bestimmtes  Quantum  abgeschlossen,  zu  elnem  Preise,  der  die  Landwilrte
durch  eigenen  Vorteil  zur  peinlichsten  Einhaltung  der  Lleferung  bestimmte.  Zu  diesem
Verfahren  gllt  es  zurückzukehren.  Es  wird  wiederum  nur  eine  begrenzte  Quantität  umgelegt,
  und  zwar  zu  einem  Preise,  der  den  Selbstkosten  auereichend  entspricht.  Die  Verbraucherkommunen
  erhalten  die  Aufgabe,  den  minderbemittelten  Bevölkerungekreisen
dadurch  zu  helfen,  daß  sie  dlesen  die  Kartoffeln  zum  herabgesetzten  Preise  ausliefern  und
die  Differenz  daraufzahlen.  Alle  übrigen  Mengen  werden  dem  freien  Markt  und  der  freien
Preiebildung  überlassen.