292  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

Preise  läßt  sich  teilweise  allerdings  erklären  aus  der  allgemeinen  Entwertung
  des  Geldes  während  der  Kriegszeit  infolge  der  kolossalen  Vermehrung
  der  Umlaufemittel  für  den  Kriegebedarf.  Daß  aber  nicht  nur
die  Geldentwertung,  sondern  eine  wirkliche  Knappheit  die  Preiesteigerungen
beeinflußte,  geht  aus  der  Tatsache  hervor,  daß  nach  und  nach  fast  überall
eine  Rationierung  der  Lebenemittel  hatte  in  Angriff  genommen  werden
müssen.  Es  war  eben  eine  beträchtliche  Steigerung  des  Weltverbrauchs
  eingetreten,  einmal  dadurch,  daß  die  Millionenheere  an  den
Fronten  durchschnittlich  einer  beträchtlich  reichlicheren  Berpflegung  bedurften,
  als  in  der  zu  Friedenszeiten  gewohnten  Lebenshaltung,  und
ferner  dadurch,  daß  auf  den  Transporten  große  Verluste  an  Lebenemitteln
eintraten.  Solche  Verluste  sind  unvermeieidlich  schon  im  Landkriege  bei
großen  und  raschen  Massenbewegungen,  bei  denen  ungeheure  Lebenemittelmengen
  für  die  Truppe  bewegt  werden  müssen  und  sowohl  dem
Verderb  wie  dem  Verfehlen  des  Zieles  und  dem  Berlust  in  Feindes  Hand
ausgesetzt  sind,  ganz  besonders  aber  im  Seekrieg,  zumal  nach  dem  Eingreifen
  des  verschärften  Unterseebootkrieges.

Zu  gleicher  Zeit  mit  dem  vermehrten  Verbrauch  an  Lebenemitteln
für  die  Zwecke  der  Kriegführung  sank  überall  die  Produktion  infolge  der
Einziehung  landwirtschaftlicher  Kräfte  zum  Heereedienst  und  infolge  der
verminderten  Bedarfsdeckung  an  technischen  Hilfsmitteln  für  die  Landwirtschaft.
  So  kam  es,  daß  nicht  nur  in  England  seit  1917  einzelne
Nahrungemittel  rationiert  werden  mußten,  sondern  daß  auch  Frankreich
zur  Einführung  der  Brotkarte  und  fleischloser  Tage  übergehen  mußte,
und  daß  selbst  in  Amerika  der  zulässige  Verbrauch  von  Weizenmehl  eingeschränkt
  und  ein  sogenanntes  „Siegesbrot“  eingeführt  werden  mußte,
bei  dessen  Zubereitung  das  Weizenmehl  mit  Kartoffel-,  Reie-  und  Gerstenmehl
  gestreckt  wurde.

Unter  den  auf  deutscher  Seite  verbündeten  Mächten  herrschte  infolge
ihrer  Abgeschlossenheit  vom  Weltmarkt  und  der  starken  Beanspruchung
sonst  in  der  Landwirtschaft  beschäftigter  Kräfte  für  den  Kriegsdienst
durchweg  der  empfindlichste  Mangel,  selbst  in  einem  Lande  agrarischer
Überproduktion  wie  in  Bulgarien,  wo  es  unter  den  Einwirkungen  der
Kriegswirtschaft  in  den  großen  Städten  wiederholt  zu  Brotkrawallen  kam.
Besonders  drückend  war  der  Zustand  chronischer  Hungersnot  in  Osterreich,
wogegen  in  Ungarn  die  Ernährungsverhältnisse  dauernd  durchaus  unkriegsgemäß
  blieben.

Auch  in  manchen  Bezirken  Deutschlands  hatte  man,  da  die  erstrebte
restlose  Erfassung  der  Lebensmittel  für  die  Gesamtheit  nun  einmal  durchaus
nicht  gelingen  wollte,  bis  zum  Schluß  nur  verbältniemäßig  wenig  über
Ernährungeschwierigkeiten  zu  klagen.  In  den  Großstädten  und  Industrie-