Die  Unterernährung.  293

bezirken  aber  entwickelten  sich  Zustände,  die  für  die  Volkegesundheit
und  Bevölkerungsbewegung  im  höchsten  Gradc  schädlich  waren.
Diejenigen  Wolkekreise,  die  auf  die  zugemessenen  Wochenrationen  angewiesen
  und  nicht  in  der  Lage  waren,  sich  ohne  Rücksicht  auf  die  Preise
ersatzweise  durch  den  Schleichhandel  zu  versorgen,  verfielen  unweigerlich
cincr  Unterernährung,  die  ihre  körperliche  Widerstandefähigkeit  aufs
äußerste  erschüttern  mußte.  Im  Ourchschnitt  betrug  die  auf  den  Kopf
zugewiesene  Menge  von  Nahrungemitteln  an  Brot  250  g  für  den  Tag,
zeitweise  allerdings  auch  beträchtlich  weniger,  an  Fleisch  250  g  für  die
Woche,  an  Butter  und  Fett  60  bis  90  g  für  die  Woche,  an  Kartoffeln  in
Zeiten  ausreichender  Versorgung  500  g  täglich,  in  vielen  Monaten  auch
bedeutend  weniger,  an  Eiern  ursprünglich  ein  Stück  für  die  Woche,  dann
ein  Stück  allenfalle  monatlich,  und  schließlich  trat  ein  vollständiges  Bersagen
  der  Eierbelieferung  cin;  Milch  erhielten  zum  Schluß  überhaupt
nur  noch  Kinder,  Kranke,  werdende  und  stillende  Mütter,  und  zwar  nur
ctwa  die  Hälfte  der  normalerweise  benötigten  NRation.

Wenn  man  die  Mindestmenge  an  Lebenemitteln  für  einen  durchschnittlich
  acht  Stunden  arbeitenden  erwachsenen  Mann  auf  3300  Kalorien
schätzt,  und  wenn  man  eine  Herabsetzung  selbst  dieser  Mindestmenge
noch  um  10%  wenigstens  vorübergehend  als  gesundheitlich  unschädlich
betrachtet,  so  wird  man  festzustellen  haben,  daß  in  Deutschland  die  rationierte
Nahrungsmittelmenge  schließlich  auf  ein  Drittel  der  als  unbedingt  notwendig
  geschätzten  Mindestmenge  gesunken  war.  Nach  Berechnungen  des
Reichsgesundheitsamtes  erreichten  die  Lebenemittel,  die  der  deutschen
Bevölkerung  auf  ihre  Karten  zur  Verfügung  gestellt  wurden,  im  Herbst
1916  nur  noch  1344  Kalorien,  im  Sommer  1917  sank  der  Wärmewert
sogar  auf  1100  Kalorien,  und  unter  Berücksichtigung  der  Berluste,  die
infolge  der  schweren  Berdaulichkeit  der  Kriegekost  entstehen,  konnte  man
den  wirklichen  Nährwert  der  zugeteilten  Lebenomittelmengen  schließlich
nur  noch  auf  1000  Kalorien  beziffern.  Das  ist  eine  Energiemenge,  die
für  ein  2  bis  Sjährigese  Kind  ausreicht,  einen  Erwachsenen  aber  unmöglich
auf  die  Dauer  bei  Kräften  erhalten  kann.

Die  durch  diese  Unterernährung  bedingte  Entkräftung  führte  zu
einer  wesentlich  gesteigerten  Wirkung  aller  Krankheiten,  insbesondere
  der  Tuberkulose.  Wir  waren  vor  dem  Kriege  dank  der  Fortschritte
  unserer  Hpgiene  bezüglich  der  Sterbefälle  an  Tuberkulose  so  weit
fortgeschritten,  daß  im  JZahr  auf  10000  Einwohner  nur  noch  14  Todeefälle
an  Tuberkulose  kamen.  IZm  ersten  Halbjahre  1918  stieg  diese  Zahl  auf
etwa  32.  Die  Verbreitung  ansteckender  Krankheiten  wurde  noch  gefördert
durch  den  Mangel  an  Deeinfektionsmitteln,  der  sich  im  Laufe  des  Krieges
beranusstellte.  Das  nahezu  völlige  Fehlen  von  Fett  für  unsere  Ernährung