294  Landwirtschaft  und  Volksernährung.

bedingte  auch  die  äußerste  Einschränkung  seines  Verbrauchs  für  die  Herstellung
  von  Seife.  Der  Seifenmangel  wiederum  bedingte  eine  große  Ausbreitung
  der  Schmutzkrankheiten,  wie  Ruhr  und  Typhus.  Der  Durchschnitt
der  Bevölkerung  war  auf  Grund  der  Ernährungsverhältnisse  für  Krankheiten
sehr  viel  empfänglicher  als  in  normalen  Zeiten.  Insbesondere  Magen-,
Darm-,  Leber-  und  Stoffwechselkrankheiten  nahmen  einen  erschreckenden
Umfang  an.  Die  ausbrechenden  Krankheiten  wirkten  infolge  der  Unterernährung
  sehr  viel  intensiver,  als  es  bei  ausreichender  Kost  der  Fall  gewesen
  wärc.  Die  Bekämpfung  der  Ansteckungsgefahr  war  durch  den
Mangcl  an  Oeeinfektionsmitteln  erschwert,  und  auch  die  Behandlung  der
Krankheiten  litt  unter  der  Berminderung  dee  Materiale  für  den  ärztlichen
Bedarf.  So  stiegen  die  Sterblichkeitsziffern  gewaltig  an,  in  einer  Zeit,
in  der  unter  den  Einwirkungen  des  Krieges  die  Geburtenziffern  rapide
zurückgingen.

Über  alle  diese  tief  eingreifenden  schädlichen  Wirkungen  des  Krieges
und  der  Hungerblockade  mußte  nach  Möglichkeit  geschwiegen  werden,  solange
  Deutschland  noch  die  Waffen  führte,  sowohl  um  eine  Ermutigung
der  Gegner  wie  um  eine  Entmutigung  der  Heimat  zu  vermeiden.  In
dem  Augenblick,  als  wir  die  Waffen  niedergelegt,  trat  das  Reichsgesundheiteamt
  vor  die  internationale  Offentlichkeit  mit  2lufklärungen  über  den
wahren  Stand  der  Dinge,  und  zwar  durch  eine  in  deutscher  und  französischer
Sprache  verbreitete  Henkschrift  über  die  Schädigung  der  deutschen
Volkskraft  durch  die  feindliche  Blockade.  Die  Zahl  der  unmittelbarcn
  Opfer  dieser  Blockade  wird  berechnet  aus  der  Zunahme  der  Sterbefälle
  unter  der  Zivilbevölkerung,  und  zwar  in  runden  Zahlen  auf  88000
für  das  Jahr  1915,  121000  für  1916,  260000  für  1917  und  294000  für
1918.  Die  Zunahme  der  Sterblichkeit  gegenüber  dem  Friedensjahr  1913
belief  sich  in  jenen  vier  Jahren  auf  9,5,  14,5,  J2,2  und  37,0%.  Bei  den
Kindern  von  I  bie  5  Jahren  stieg  die  Sterblichkeit  sogar  um  49,3,  bei  denen
von  5  bis  15  um  55  %.  Die  schwangeren  Frauen  erlagen  im  Wochenbett
zu  Tausenden  infolge  ihrer  geminderten  Widerstandskraft.  Der  Ausfall
an  Lebendgeborenen  von  1914  bis  1919  beträgt  für  Preußen  2  Millionen
555000,  für  das  Reich  rund  4  Millionen.  Auch  biervon  legt  das  Reichsgesundheitsamt
  mindestens  den  vierten  Teil  der  Blockade  zur  Last.  Der
Gesamtverlust  durch  Bermehrung  der  Sterbefälle  und  Minderung  der
Geburten  infolge  der  Unterernährung  ist  für  Deutschland  mit  annähernd
6  Millionen  Köpfen  anzunehmen.

Natürlich  sind  die  Wirkungen  dieser  Unterernährung  mit  dem  Abschluß
dee  Kriegeo  nicht  entfernt  erschöpft.  Das  lag  auch  in  der  Absicht  der  Urbeber
  der  Hungerblockade.  Schrieb  doch  der  englische  Fournalist  T.W.  Wile
im  „Weekly  Despatch“  unter  der  Überschrift  „Die  Hunnen  von  1940“: