Anspruchnahme  der  Wlssenschaft  für  Kriegszwecke.  32

erprobt  sein  mũßten,  und  daß  es  wertlos  wäre,  während  des  Krieges
neu  aufkommende  technische  Hilfsmittel  ohne  eine  solche  vorangehende
Erprobung  in  Friedenszeiten  zu  benutzen.  Unter  den  Einwirkungen
dieses  alten  Glaubenssatzes  sind  tatsächlich  auch  in  der  ersten  Hälfte  des
Kriegee  mancherlei  überaue  wichtige  Neuerungen  zunächst  beiseitegeschoben
worden,  bis  auf  feindlicher  Seite  in  der  VBerwendung  dieser  Neuerungen
sich  eine  gefährliche  Uberlegenheit  zeigte.  Das  gilt  insbesondere  von  den
Tanke,  von  denen  im  Reichstag  unwidersprochen  festgestellt  wurde,  daß
sie  in  der  ersten  Kriegshälfte  der  Heeresleitung  angeboten  wurden,  von  ihr
aber  unbeachtet  blieben.  Erst  nachdem  das  große  Aufgebot  feindlicher
Tanke  seine  bedenklichen  Wirkungen  ausgeübt,  schritt  man  auch  deutscherseite
  zur  Verwendung  dieses  Kampfmittele.  Auf  anderen  Gebieten
war  man  weniger  zaghaft.  Namentlich  auf  dem  Gebiete  des  Flugwesene
wurde  man  schon  von  Anfang  an  durch  die  ursprüngliche  feindliche  Uberlegenheit
  gezwungen,  den  technischen  Fortschritt  aufs  äußerste  zu  betreiben.
Auf  diesem  Gebiete  fand  ein  ständiger  Wettkampf  der  Technik  statt,  bei
dem  die  Überlegenheit  wechselte.  Was  wir  aber  niemals  einzuholen
vermochten,  war  die  Überlegenheit  der  Masse,  da  auf  unserer  Scite
Materialien,  Betriebestoffe,  Arbeitskräfte  und  ausgebildetes  Personal
stets  geringer  waren  als  auf  Seiten  der  Entente  mit  ihren  schier  unübersehbaren
  Hilfskräften.

Auch  die  Marine  hat  sich  von  Anbeginn  an  der  Rutzung  technischer
Fortschritte  während  des  Krieges  eifrigst  befleißigt,  wofür  die  gewaltigen
Fortschritte  in  der  Entwicklung  unseres  Unterseebootkrieges  beredtes
Zeugnis  ablegen.  Es  wird  unvergessen  bleiben,  daß  inmitten  des  Krieges
auch  ein  deutsches  Handele-U-Boot  seine  erste  friedliche  Fahrt  durch
den  Ozean  vollführen  konnte.

Die  chemische  Wissenschaft  stellte  der  Kriegführung  in  fortwährend
erweiterter  Ausbildung  neuartige  Kampfmittel  zur  Verfügung,  durch  die
Flammenwerfer,  die  giftigen  Gase  usw.  Vor  allen  Dingen  aber  erwuchs
ihr  die  Aufgabe,  unsere  Sprengstoffabrikation  dauernd  sicherzustellen,
obwohl  wir  von  bis  dahin  unentbehrlichen  Rohstoffen  dieses  Zweiges
der  Rüstungeindustric  abgeschnitten  waren.  Es  fehlte  uns  vor  allen  Dingen
der  Salpeter,  und  es  fehlte  uns  die  Schießbaumwolle.  Für  den  Ersatz
des  natürlichen  Salpeters  durch  die  Stickstoffgewinnung  aus  der  Luft
war  bereits  in  Friedenszeiten  durch  die  chemische  Wissenschaft  vorgearbeitet
worden;  in  den  skandinavischen  Ländern  hatte  auch  bereite  die  praktische
Erzeugung  künstlichen  Salpeters  begonnen.  Deutschland  sah  sich  nun  zum
Salpeterersatz  in  größtem  Stil  gezwungen  und  führte  dementsprechend
die  Stickstoffgewinnung  aus  der  Luft  in  einem  Maße  durch,  das  auch  für
alle  Zukunft  sich  hohe  wirtschaftliche  Bedeutung  zu  sichern  versprach.