Ole  chemische  Wissenschaft.  329

auf  die  Gewinnung  von  Nebenprodukten  wie  Teerölen,  Benzol,  Toluol
und  Aplon.  Auch  an  dem  schon  vor  dem  Kriege  theoretisch  möglichen,
materiell  aber  durchaus  unpraktischen  Ersatz  des  natürlichen  Kautschuks
durch  ein  Kunstprodukt  arbeitete  die  Chemie  weiter.  Die  Ergebnisse
blieben  aber  in  der  Hauptsache  wenig  befriedigend,  da  auch  die  Herstellung
des  Ersatzes  ohne  aueländische  Hilfsstoffe  schwer  durchführbar  war.  Auf
diesem  Gebiete  half  die  Technik  namentlich  für  Lastautomobile  und  dergleichen
  durch  federnde  Bereifungen  aus  Metall.  Angesichts  der  großen
Kautschukknappheit  und  des  ungemein  gesteigerten  Bedarfs  an  Gummi
für  Kriegszwecke  gehörte  der  Gummi  mit  zu  jenen  Gegenständen,  die
einer  besonders  sorgfältigen  und  tiefgreifenden  Bewirtschaftung  bedurften.
  Für  den  sogenannten  Friedensbedarf  mußte  Gummis  schließlich
restlos  durch  Hilfsstoffe  ersetzt  werden,  um  der  Kriegsindustrie  auch  alle
erfaßbaren  Reste  von  Altgummi  zu  weiterer  Verwendung  zu  sichern.

Der  ausgedehnteste  Aufgabenkreie  war  der  chemischr-technischen
Wissenschaft  und  Praxie  gestellt  durch  die  Notwendigkeit,  unseren  Bedarf
an  Faserstoffen  aus  dem  eigenen  Lande  zu  decken.  Die  großen  Bestände
  namentlich  an  Baumwolle,  die  bei  Kriegsbeginn  in  Deutschland
lagerten,  wurden  durch  den  gewaltig  anschwellenden  Heeresbedarf  mehr
und  mehr  aufgezehrt  und  für  den  Riesenbedarf  der  Zivilbevölkerung  an
Textilstoffen  mußte  notgedrungen  neben  sparsamster  Bemessung  der
altgewohnten  Textilstoffe  der  Ubergang  zur  Ersatzwirtschaft  vollzogen
werden.  Die  Kriegewirtschaft  auf  dem  Gebiete  des  Textilwesens  bildet
ein  Kapitel  für  sich,  das  allein  Bände  füllen  könnte,  und  über  welches
auch  während  des  Kriegsverlaufs  bereits  eine  so  weitgehende  Aufkldrung
der  Offentlichkeit  stattgefunden  hat,  daß  cs  sich  erübrigt,  hier  die  Einzelheiten
  weitschweifig  zu  behandeln.

Ursprünglich  hatten  wir  uns  auch  auf  diesem  Gebiete  auf  unsere
großen  Bestände  und  auf  eine  kurze  Kriegsdauer  verlassen  und  eine  tiefeingreifende
  Kriegswirtschaft  amtlicherseits  nicht  als  notwendig  betrachtet.
Zuerst  war  es  die  Juteknappheit,  die  zum  Ersatz  der  Jute  durch  Papier--garne
  aufforderte.  Dann  mußte  die  Hand  der  Zwangeswirtschaft  auch  auf
Rohwolle  und  Rohbaumwolle  gelegt  werden,  doch  waren  noch  so  große
Mengen  fertiger  Gewebe  für  den  Zivilbedarf  vorhanden,  daß  eine  eingreifende
  Regelung  auf  diesem  Gebiet  vorläufig  für  entbehrlich  gebalten
wurde.  Ende  1915  aber  mußte  nicht  nur  der  Kreis  der  beschlagnahmten
Rohstoffe  ausgedehnt,  sondern  auch  begonnen  werden,  die  Beschlagnahme
auf  das  Gebiet  der  Fertigfabrikate  zu  erstrecken.  Die  nunmehr  knappgewordene
  Versorgung  der  bürgerlichen  Bevölkerung  führte  zur  Errichtung
von  Reichsbekleidungsämtern  und  zur  Einführung  der  Bezugscheinc.
Eine  beträchtliche  Menge  von  Spinnstoffen  blieb  immerhin  auch  jetzt