330  Industrie,  Handel  und  Derkehr.

noch  im  freien  Verkehr.  Anfang  1917  aber  wurde  die  Beschlagnahme
auf  fast  alle  Halb-  und  Fertigfabrikate  einschließlich  der  noch  verbliebenen
geringen  Auslandzufuhren  ausgedehnt  und  die  Vorschriften  für  die  Bezugscheinausgabe
  wesentlich  verschärft.

Die  Bemühungen  um  Schaffung  von  Ersatz  an  Textilstoffen  erstreckten
  sich  zunächst  vornehmlich  auf  die  Steigerung  des  heimischen
Flache-  und  Hanfbaues,  ferner  auf  die  Ausbildung  der  Papierspinnerei,
und  schließlich  auf  die  Heranziehung  bieher  ungenutzter  heimischer  Spinnstoffe
  wie  Brennessel,  Torf-  und  Schilffaser,  Hopfen,  Weidenbast,  GEinster
usw.  Wertovollste  Hilfe  lieferte  die  bereits  vor  dem  Kriege  in  Deutschland
hochentwickelte  Zellulosein  dustrie.  Der  von  dieser  Seite  aus  zu  deckende
Spinnstoffbedarf  schwoll  derartig  an,  daß,  zumal  bei  der  gleichzeitigen
Beeinträchtigung  jeder  Fabrikation  durch  Arbeiter-  und  Kohlenknappheit,
die  ursprüngliche  Verwendung  der  Zellulose  zur  Papierfabrikation  eine
beträchtliche  Einschränkung  erfahren  mußte,  was  eine  zwangsweise  Beschränkung
  des  den  Zeitungen  und  dem  sonstigen  Buchdruck  zur  Verfügung
  stehenden  Druckpapiers  bewirkte.  Die  Zellulose  gab  den  Stoff
für  die  Kunstseide,  während  der  Baumwollersatz  ursprünglich  nicht  unmittelbar
  aus  dem  zellstoff,  sondern  aus  dem  Papier  in  Gestalt  von  Papiergarn
  gewonnen  wurde.  Später  schritt  man  zu  einer  direkten  Verarbeitung
  des  Zellstoffes  zu  Spinnstoff.  Eine  Wanderausstellung
deutscher  Faserstoffe  machte  im  letzten  Kriegejahre  das  Publikum  mit
der  Gesamtheit  der  gewonnenen  Ersatzstoffe  eingehend  bekannt.

Die  bureaukratische  bzw.  kaufmännische  Berwaltung  der  gesamten
Textilrohstoffe  und  Stoffe  erforderte  einen  ungeheuren  Apparat.  Anfange
war  die  Textilrohstoffverwaltung  Selbstv  ltungskörpern  der  engeren
Gruppen  der  eigentlichen  Heercelieferanten  übertragen.  Oiese  wichen
später  halbamtlichen  Gebilden,  die  zugleich  für  die  Versorgung  der  gesomten
  Industrie  aufzukommen  hatten.  Auch  für  diese  aber  behielt  man
in  möglichst  weitgehendem  Umfange  die  bewegliche  Arbeitsweise  kaufmännischer
  Geschäfte  bei.  Für  die  Spinnstoffe  wurden  teils  gesetzliche
Höchstpreise,  teils  sogenannte  „Aichtpreise“  festgesetzt.  Die  Heeresverwaltung
  zog  ee  ihrerseits  im  allgemeinen  vor,  bei  freien  Preisvereinbarungen
  zu  bleiben,  um  die  Produktionslust  der  Unternehmungen  anzureizen.
  Für  die  Rationierung  der  Zivilbevölkerung  in  ihrem  Bedarf
an  Erzeugnissen  aus  Spinnstoff  erledigten  rund  tausend  deutsche
Kommunalverbände  das  Bedarfesprüfungs-  und  Bezugscheinwesen.  Der
Ausbau  der  Organisationen  für  die  Spinnstoffbewirtschaftung  mußte
während  der  ganzen  Kriegszeit  immer  weiter  verzweigt  und  spezialisiert
werden.  Infolge  scharfer  Zuspitzung  des  Mangels  an  Anzugstoffen  und
Anzügen  für  die  Zivilbevölkerung,  inobesondere  an  Ersatz  für  den  raschen