Kohlenferderungen.  ——  337

Wenden  wir  uns  nunmehr  zum  Handel  im  Kriege,  und  zwar  lediglich
  zum  Warenhandel  unter  Auoschluß  des  in  dem  Abschnitt  über  Landwirtschaft
  und  Volksernährung  besprochenen  Produktenhandels,  so  unterlagen
  nicht  nur  der  Außenhandel,  sondern  auch  der  Znlandbandel
durch  die  Kriegsmaßnahmen  weitgebenden  Einschränkungen.  Das  Bestreben
  ging  dahin,  die  Deckung  des  Heeresbedarfs  unter  Ausschaltung
des  Kriegswuchers  möglichst  vollständig  zu  sichern  durch  unmittelbaren
  Verkehr  zwischen  der  Heeresverwaltung  und  der  Kriegeindustrie.
Freilich  konnte  man  dieses  Bestreben  großenteils  nur  in  der  Theorie
feststellen;  praktisch  fiel  die  Heeresverwaltung  trotz  der  abschreckenden
Lehren  früherer  Kriege  in  beträchtlichen  Teilen  ihrer  Belieferung  in  die
Hände  ausgesprochener  Kriegsschieber.  Immer  wieder  wurde  von
seiten  der  Kriegeindustrie  sowie  auch  von  seiten  des  reellen  Handels  das
Kriegeministerium  zur  Auoschaltung  dieses  Schiebertums  ermahnt,
doch  hatte  das  letztere  sich  vom  ersten  Augenblick  an  am  Kriegeministerium
festzusaugen  verstanden.  Alle  möglichen  Vorkehrungen,  die  getroffen
wurden,  um  die  Lieferungen  von  Kriegematerial  den  produzierenden
Kreisen  zuzuwenden,  wurden  mit  dem  üblichen  Raffinement  übergangen.
Wer  sich  irgendwie  in  die  notwendigen  Berbindungen  einzuschleichen
wußte,  um  Kriegslieferungen  zugewiesen  zu  erhalten,  führte  beispieleweise
  den  verlangten  Nachweis  für  die  Beteiligung  seiner  Firma  an  der
Kriegeindustrie,  indem  er  durch  einige  Arbeiterinnen  Zeltbahnen  zusammennähen
  ließ.  Das  genügte  zur  Charakterisierung  seines  Betriebes  ale  eines
„kriegeindustriellen“,  während  es  in  Wahrheit  ein  Zwischenhändlerbetrieb
war,  dessen  Leitung  bei  Kriegsbeginn  oft  jede  Spur  von  Kenntnie
der  zu  liefernden  Waren  fehlte.

In  welchem  Maße  das  Schiebertum  sich  auch  durch  Warenfälschungen
  und  dergleichen  schon  während  der  ersten  Kriegemonate
breit  machte,  davon  mögen  einige  Sätze  aus  einem  Aufsatz  über  Kriegswucher
  zeugen,  den  Oberverwalt  gerichterat  Schiffer,  damals  Mitglied
  des  Reichstages  und  des  Preußischen  Abgeordnetenhauses,  am
17.  Dezember  1914  in  der  „Magdeburgischen  Zeitung“  veröffentlichte.

„Unreellität  und  Schwindel  sind  in  Kriegszeiten  schlimmer  ale  in  Friedenezeiten,
zumal  wenn  sle  sich  gerade  den  Krieg  zunutze  machen.  Deehalb  verlangt  das  Volk  mit
gutem  Grunde  die  exemplarische  Bestrafung  der  Postbediensteten,  die  sich  an  den  ihnen  zur
Beförderung  anvertrauten  Liebesgaben  vergreifen;  der  Händler,  die  die  für  unsere  Soldaten
  bestimmten  Pakete  mit  allerlei  zurückgesetztem  Schundzeug  füllen;  der  Müßiggänger,
  die  in  der  Tracht  eines  verwundeten  Offiziere  oder  eines  Mitgliedes  des  Roten
Kreuzes  Sammlungen  für  wohltätige  Zwecke  veranstalten  und  den  Ertrag  in  ihrer  Tasche
verschwinden  lassen;  der  Fabrikanten,  die  für  unsere  Truppen  eine  mit  Teerfarbstoff  gefärbte
  und  mit  künstlichem  Aromastoff  parfümierte  Mischung  als  „alkoholfreien  Punsch
in  der  Tüte“,  eine  mit  Gelatine  versetzte  Zuckermengung  als  „#echte  Grogwürfel“  und

Olr.  Wortschaftskrieg  und  Nrlegswittschaft.  22