360  Ausblick.

zu  erfüllen,  wurde  das  ganze  Bild  vollends  verschoben.  Es  rückte  dadurch
einseitig  das  Verlangen  nach  Fortführung  des  Staatssozialismus  in  den
Vordergrund,  die  allerdings  in  mehr  oder  weniger  hobem  Grade  von  vielen
Seiten  auch  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege  erwartet  worden  war,  die  anderseite
  aber  im  Gegensatz  stand  zu  dem  ganz  natürlichen  Reaktionobedürfnis,
  das  nach  einer  Zeit  angespanntester  Zwangswirtschaft  im
Zeichen  des  kriegswirtschaftlichen  Staatesozialiemus  nach  Abbau  der
Zwangewirtschaft  und  Wiedereinführung  der  freien  Wirtschaft  verlangte.
Der  Krieg  hatte  im  Wirtschaftsleben  ein  weitgehendes  Verlangen  eben
nach  diesem  Abbau  des  Staatssozialismus,  eine  weitgehende  Abneigung
gegen  die  in  Aussicht  stehende  Staate-Monopolwirlschaft,  eine  weitgehende
  Besorgnis  vor  umfassender  Allmacht  des  Assessorismus  im  Wirtschaftoleben,
  eventuell  eines  Assessoriamus  nicht  mit  staatlichen,  sondern
mit  staatesozialistisch-parlamentarisch  vorgeschriebenen  Richtlinien  gezeitigt.

Es  verdient  heute  in  Erinnerung  gerufen  zu  werden,  daß  einer  der
ersten  deutschen  Bertreter  des  Sozialismus,  der  während  des  Krieges  auf
einen  hohen  Regierungsposten  berufen  war  —  der  damalige  Unterstaatssekretär
  Or.  Müller  —,  noch  Mitte  September  1917  im  25.  Kriegeheft
der  Volkswirtschaftlichen  Blätter  einen  Aufsatz  über  das  Grundgesetz
des  wirtschaftlichen  Wiederaufbaue  veröffentlichte,  der  davon
aueging,  daß  gerade  die  Zeit  der  Ubergangewirtschaft  am  wenigsten
geeignet  sein  würde,  den  reinen  Sozialismus  zur  Durchführung  zu  bringen.
Die  entsprechenden  Stellen  jenes  Aufsatzes  mögen  hier  wörtliche  Wiedergabe
  finden:

„Ohne  Opfer  aller  Glieder  des  Volkes,  ohne  das  Aufgeben  altgewohnter  und  liebgewonnener
  Vorstellungen,  ohne  die  Anwendung  ganz  neuer  Metboden  wird  das,  was
notwendig  ist,  nicht  durchgeführt  werden  können.  Ich  glaube  nicht  an  die  Möglichkeit  eines
Wiederaufbaus  der  Volkewirtschaft,  wenn  der  Grundsatz  in  den  Vordergrund  gestellt  wird.
es  komme  in  der  Hauptsache  dorauf  an,  möglichst  schnell  wiederherzustellen,  was  bie  zum
1.  August  1914  bestanden  hat.  Gerade  darum  erscheint  mir  eine  nachhaltigere  Beschäftigung
mit  dem  Problem  der  ÜUbergangswirtschaft  so  wünschenswert,  weil  diese  Auffassung  noch
immer  besteht.  Die  drei  Zahre  Krieg,  aus  denen  ja  am  Ende  auch  noch  mehr  Jabre  werden
können,  erfordern  die  Anwendung  anderer  Mittel  als  die  einfache  Rückkehr  zum  altgewohnten
Zustand  vor  dem  Kricge.  Die  Erkenntnis  dieser  Wahrheit  wird  getrübt,  und  die  Möglichkeit
einer  Verständigung  über  die  anzuwendenden  Formen  des  Wiederaufbaue  wird  erschweit,
wenn  man  das,  worauf  es  hier  ankommt,  auf  die  Formel  „Kapitaliemue  oder  Sozialismus?“
zu  bringen  versucht.  Kapitalistische  Grundsätze  von  chemale  werden  ja  zweifellos  nicht  die
richtigen  sein,  die  anzuwenden  sind.  Aber  daß  in  der  Ubergangewirtschaft  der  Sozialiemus
zu  verwirklichen  sei,  das  ist  eine  Fordcrung,  die  vermutlich  von  der  Sozialdemokratic  ulcht
gestellt  und  erst  recht  nicht  durchgeführt  werden  wird.  Was  man  bieher  so  gemeinhin  unter
Sozialismus  verstand,  nahm  seinen  Ausgangspunkt  doch  von  anderen  Zuständen  ale  von
denen,  die  uns  der  Krieg  binterlassen  wird.  Alle  Sozialdemokraten,  die  sich  eine  Vor.-stellung
  von  ihrem  Zukunftsideal  machten,  gingen  nicht  von  einer  zerschlagenen,  mit  gewaltigen
  BVerpflichtungen  belasteten  und  in  ihrer  technischen  Leistungefähigkeit  stark  be-