Der  wirtschaftliche  Wiederaufbau.  —

einträchtigten  Volkewirtschaft  aus,  sondern  von  einer  Gesellschaft,  die  eine  berauschende
Fülle  von  Reichtum  aufwies.  Nicht  um  einer  verarmten  Volkewirtschaft  auf  dle  Beine
zu  helfen,  sondern  um  den  Ertrag  gewaltiger  gesellschaftlicher  Produktiokräfte  gerecht
zu  verteilen,  predigte  die  Sozialdemokratie  die  Notwendigkeit  des  Soziolismus.  Das  ist
es  aber  nicht,  was  wir  zunächst  gebrauchen.  In  einer  wahrscheinlich  recht  lange  dauernden
Übergangszeit  werden  wir  sparsam  sein  müssen,  wie  nur  irgendein  armer  Schlucker,  den
der  Hunger  nach  Besitz  anspornt.  Die  Produkte  aller  Zonen  stehen  une  nicht  so  reichlich
zur  Verfügung  wie  ehemale,  weil  wir  zunächst  Schwierigkeiten  haben  werden,  um  sie  zu
transportieren,  und  noch  größere  Schwierigkeiten,  sie  zu  bezahlen;  ganz  davon  zu  schweigen,
daß  am  Ende  sogar  ein  Kriegsausgang  möglich  ist,  der  une  zunächst  überhaupt  den  Bezug
von  Rohstoffen  und  Genußmitteln  aus  manchen  Ländern  unmöglich  macht.  So  werden
wir  uns  auf  Jahre  binaue  daraufhin  einrichten  müssen,  vorwiegend  von  dem  zu  leben,
was  der  deutsche  Boden  hervorsprießen  läßt  und  was  deutsche  Arbeit  im  Zusammenwirken
mit  deutschem  Unternehmungsgeist  in  Europa  und  in  eigenen  Kolonien  zu  schaffen  in  der
Lage  ist.  Sozialiemue,  glaube  ich,  wird  der  überzeugte  Sozialdemokrat  den  Zustand,  dem
wir  entgegengehen,  nicht  nennen.  Und  dennoch  wird  insofern  ein  sozialistisches  Element
eine  entscheidende  Rolle  beim  Wiederaufbau  unserer  Bolkewirtschaft  spielen  müssen,  alo
nicht  das  indloiduelle  Interesse  des  Arbeitere  und  des  Unternehmers  (loder  der  Arbeiterklasse
  und  der  Unternehmerklosse),  sondern  das  Wohl  der  Allgemeinheit  den  Maßstab  abgeben
wird,  an  dem  die  Zweckmäßigkeit  der  anzuwendenden  Mittel  zu  messen  ist.  So  dürfte  ce
sich  notwendig  machen,  der  Eigenwirtschaft  aus  den  Zeiten  bis  zum  1.  August  1914  die
Gemeinwirtschaft  der  Wiederaufbauzeit  gegenüberzustellen;  in  der  Meinung,  daß
diese  allmählich  geläufig  werdende  Bezeichnung  das,  worauf  ce  ankommt,  schärfer  hervorhebt
  ale  der  Terminus  Sozialismus,  mit  dem  leicht  Mißverständnisse  verbunden  sein
können.“

Um  den  Sinn,  den  Rahmen  und  das  Ausmaß  der  Gemeinwirtschaft
  gehen  seit  den  Tagen  der  Revolution  die  großen  geistigen  und
keineswegs  nur  mit  geistigen  Mitteln  geführten  Kämpfe  in  Deutschland.
Der  Stand  unserer  Valuta  und  die  une  von  unseren  Gegnern  seit  Abschluß
des  Waffenstillstandes  diktierten  wirtschaftlichen  Bedingungen  haben  uns
zu  der  Ansicht  gezwungen,  daß  wir  noch  viel  mehr,  als  vordem  anzunehmen
gewesen  wäre,  auf  Bedarfebeschränkung  und  notgedrungenerweise  auch  auf
entsprechende  staatliche  Eingriffe  in  die  Bedarfsdeckung  sowie  auf  den  Versuch
  möglichst  weitgehender  Selbstversorgung  angewiesen  bleiben  werden.

Wir  werden  es  uns  abgewöhnen  müdsen,  in  Ersatzstoffen,  in  deren
Autzung  der  Krieg  uns  geübt  hat,  von  vornherein  Notbehelfe-,Surrogate“
zu  sehen.  Dem  Wort  „Surrogat“  haftet  ein  mehr  oder  weniger  abfälliger
Klang  an.  Ist  es  denn  aber  ausgemacht,  daß  der  in  der  Not  gefundene
„Ersatz“  nicht  vollwertig,  nicht  unter  Umständen  sogar  ein  Fortschritt
sein  kann?  Kann  die  MWissenschaft  uns  nicht  vielleicht  aus  beimischen
Hilfomitteln  reineren  Schwefel,  besseren  Kampfer  liefern  als  die  Einfuhr?
Können  verbesserte  Methoden  der  Stahlerzeugung  uns  nicht  brauchbarere
Metalle  geben  als  manches  früher  eingeführte?  Können  Holzzellstoffe
nicht  für  manches  Verwendungegebiet  dauernd  nützlicher  sein  als  früher
verwandte  Faserstoffe  überseeischen  Ursprungs?